Vergewaltigungsdrohungen

Als Frau, die hin und wieder in der Öffentlichkeit steht, bin ich Sexismus gewohnt. Als Antifaschistin bin ich Drohungen und Einschüchterungen gewohnt. Ich möchte sie trotzdem nicht als Normalität akzeptieren. Nach meinem gestrigen Auftritt in den Puls4-Nachrichten bekam ich heute diese E-Mail von jemandem, der offenbar von „Udo“ (Guggenbichler), Nazis und Burschenschaftern als „uns“ spricht. Gleich zu Beginn gibt es eine schöne Täter-Opfer-Verkehrung und die Andeutung, Linke könnten den ehemaligen SPÖ-Politiker Albrecht Konecny verprügelt haben. (Es ist belegt, dass es Nazis waren) Dann drohte er mir damit, dass ich morgen, am Tag der Demonstrationen gegen den Burschenschafterball, vergewaltigt werde und mir besser schon einmal die Pille danach besorgen solle. Es zeigt ganz deutlich, über wessen Gewalt wir dringend reden sollten.

Vergewaltigung

 

Update: Eine Anzeige über gefährliche Drohung wurde erstattet.

Der Faschismus von heute ist der Faschismus

 

Screenshot Facebook

Screenshot Facebook

Die FPÖ übt sich wieder einmal in sprachlicher Aufrüstung. Das ist kein plötzlicher Wutausbruch oder ein verbales Hoppala. Das ist gut kalkulierte Strategie. Strache bezeichnet Gegendemonstrant_innen gegen den FPÖ-Burschenschafterball als „SA“. So etwas rutscht nicht einfach heraus. Es fungiert als Nachricht nach innen und nach außen.

Nach innen sendet es das klare Signal an den völkisch-rechtsextremen Teil der FPÖ, also die Burschenschaften, dass diese keine Angst haben müssen, denn die Partei lehnt sich für sie weit aus dem Fenster. Es fördert also den Zusammenhalt und gibt Rückendeckung für jede noch so dreiste Aktion, die sich von der Parteispitze alle erlauben können. Denn Gegendemonstrant_innen werden hier als vogelfrei erklärt. Sie sind keine Menschen mit individuellen Rechten mehr, sondern stellen das Grauen schlechthin dar. (Wobei bezweifelt werden darf, dass für alle in diesem Spektrum die SA die schlimmste vorstellbare Organisation ist)

Nach außen ist es mehr als nur einer der üblichen dumpfen Ausfälle der FPÖ. Bemerkenswert ist, dass Strache selbst so offen zum Wort greift und nicht seine üblichen Männer fürs Grobe vorschickt.

Verharmlosung

Straches Aussage ist eine Verharmlosung des Nationalsozialismus, seiner Organisation und seiner Verbrechen. Die Sturmabteilung (SA) stellte die Straßenkampftruppe des NS in seiner Zeit als Bewegungsfaschismus dar. Vor der Machtübernahme des NS (deren Jahrestag im Übrigen der 30. Jänner, das diesjährige Datum des Balls ist) prügelten und mordeten sie Hitler die Straßen frei. Vor allem Kommunist_innen und andere Linke waren die Opfer dieses Prügeltrupps. Wenn Demonstrationen mit diesen Verbrechen verglichen werden, ist das nichts anderes als eine grobe Verharmlosung.

Opfer-Täter-Umkehr

Zum anderen ist diese Aussage eine der dreistesten Opfer-Täter-Umkehren der letzten Zeit. Auch das kommt nicht von ungefähr. Im Jahr 2012 verglich sich Strache mit den Opfern des Holocausts und bezeichnete die Burschenschaften und die FPÖ just am Holocaust-Gedenktag als „die neuen Juden“. In dieser Logik ist es nur schlüssig, dass die, die gegen die Burschenschaften demonstrieren, die SA sein müssen. In dieser Logik wird auch nicht davor gescheut, eine kaputte Fensterscheibe mit den zerstörten Synagogen und ermordeten Juden und Jüdinnen während der Pogromnacht gleichzusetzen. Diese Umkehr passiert bei der FPÖ am laufenden Band: Die Täter von damals sind eigentlich die Opfer und die Opfer von damals die eigentlichen Täter. Daraus resultieren Wortschöpfungen wie „Linksfaschismus“ oder „linke SA“. Es wird versucht, sich selbst vom Geruch des NS reinzuwaschen, indem das Mäntelchen den Gegner_innen des NS umgehängt wird. So absurd es auch klingt, aber wenn der Antifaschismus der eigentliche Faschismus ist, dann kann die FPÖ damit gar nichts zu tun haben. FPÖ und Antifaschismus haben nämlich eine Überschneidungsmenge gleich null. Außer, wenn der Antifaschismus der wahre Faschismus und umgekehrt Rechtsextremismus zur Befreiung vor diesem Antifaschismus-Faschismus wird. Dann ist die FPÖ plötzlich die antifaschistische Kraft gegen den Antifaschismus. Eine glasklare Logik.

Rechte Opfer

Es ist eine eigenwillige Spielart des Rechtsextremismus, sich selbst immer als das Opfer zu inszenieren. Migrant_innen werden ermordet? Jüdische Einrichtungen geschändet? Linke werden bedroht? Egal, das wahre Opfer sind die Rechten. Denn diese werden für ihre Aussagen kritisiert oder müssen sich gar für Gesagtes rechtfertigen. Für diese himmelschreiende Ungerechtigkeit ist eine Armada von linkslinken Gutmenschen, Emanzen-Gesinnungsterroristinnen und Zensur-Inquisitor_innen verantwortlich, die gemeinsame Sache mit den antifaschistisch-faschistischen Berufsdemonstrant_innen machen. Das einzige Ziel ist es, die sich heroisch aufbäumende FPÖ klein zu halten. Diese agiert bekanntlich bar jeder Ressourcen aus dem Untergrund, wo Leute ihre Freizeit opfern, um Flyer der Freiheit per Hand zu kopieren und selbstgebastelte Radiosendungen auf Piratensendern auszustrahlen. Mühsam aber doch dringt hin und wieder ein kleines Wort dieses ressourcentechnisch völlig unterlegenen Freiheitskampfes über die Wahrnehmungsschwelle. Diese Haltung trifft auf das gesamte rechtsextremes Spektrum zu, in dem auch die Burschenschaften verankert sind. Der bürgerliche Rechtsextremismus der vermeintlichen Mitte hat alle Privilegien, die man in einer Gesellschaft so haben kann: ökonomisches, kulturelles und soziales Kapital. Burschenschafter sind weiß, männlich, wohlhabend, heterosexuell. Diskriminierungserfahrung kennen sie nur aus den verpflichtenden Gendervorlesungen, über die sie sich lustig machen. Sie leben ein ignorantes Leben als Elite. Weil es aber nicht sein darf, dass den Opfern ihrer Ideologie Gehör geschenkt wird, inszenieren sie sich selbst trotzdem noch als Opfer. Weil es keine nachvollziehbare Diskriminierungserfahrung gibt, ziehen sie das Ganze auf eine Gefühlsebene. Sie beklagen den gefühlten Identitätsverlust, sie beklagen die gefühlte Dekadenz, sie beklagen eine gefühlte Verfolgung. Und verantwortlich sind, natürlich, die Leute, die eigentlich von Diskriminierung betroffen sind.

Rechte Gewalt

Damit soll auch die Tatsache verschleiert werden, dass Gewalt von rechts ausgeht. Alleine in Deutschland wurden mindestens 184 Menschen seit 1990 (die Statistik geht bis 2013) durch rechtsextreme Gewalttäter_innen ermordet. Das dürfte die absolute Untergrenze sein, da sich solche Gewalttaten nicht gut in der Statistik machen. Im Moment findet eine Überprüfung ungeklärter Mordfälle auf rechtsextreme Hinweise statt. Das sind mindestens 8 Menschen im Jahr, die von Rechtsextremen ermordet werden. Jedes Jahr. Seit 23 Jahren. Als absolute Untergrenze. Für Österreich gibt es so eine Statistik gleich gar nicht. In Erinnerung sei hier die Mordserie des Rechtsextremisten Franz Fuchs gebracht, der 1995 in Oberwart die vier Roma Peter Sarközi, Josef Simon sowie Karl und Erwin Horvath aus rassistischen Motiven ermordete. Diese Menschen gelten in einem rechtsextremen Weltbild einfach nicht so viel wie sie selbst und die, die sie als ihre Volksgenossen ausmachen. Dementsprechend trauern die Burschenschaften am 8. Mai auch nicht um die Opfer des Holocausts sondern um ihres Gleichen: die armen deutschen Volksgenossen, die leider, leider den Krieg verloren haben.

Demokratie

Ein rechtsextremes Weltbild kann nie demokratisch sein, egal wer es propagiert und egal welche Position die Person hat. Rechtsextremismus und Demokratie sind zwei Haltungen, die einander per se ausschließen. Demokratie wird von Rechtsextremen gerne mit Beliebigkeit verwechselt, in der jeder Trottel alles sagen darf. Diskriminierung ist aber kein demokratisches Recht. Gegen Minderheiten zu hetzen oder Schwächere zu verfolgen ist ebenfalls kein demokratisches Recht. Das Leugnen und Relativieren des Holocausts ebenso nicht. Interessanterweise entspinnt sich für die Rechten die Frage nach Meinungsfreiheit immer nur an diesen Themenkomplexen. Die FPÖ verbal anzugreifen oder Diskriminierungen nicht still über sich ergehen zu lassen ist demnach kein demokratisches Recht.

Fazit

Äußerungen wie diese sind nicht zufällig oder spontan, sondern entspringen einer gewissen Ideologie. Diese Ideologie ist antidemokratisch, antiegalitär und vom Hass auf Antifaschist_innen geprägt. Es gilt also, nicht nur punktuell hinzuschauen, sondern die Ebenen dahinter aufzuzeigen und zu enttarnen.

Österreichische identitäre Demosöldner besetzen Sächsischen Landtag

Ihr kennt das Spiel doch – wenn Linke von A nach B zu einer Demo reisen, dann ist alles eine große Katastrophe. Von Staatsanwälten kennen wir Formulierungen wie „Demosöldner“ und wie verdächtig es nicht ist, wenn Handys gekauft werden. 

Wenn Rechtsextreme das machen, dann? Genau, da regt sich niemand auf. Am Montag fand wieder die Pegida-Demonstration in Dresden statt. Dass die unbedarften „besorgten“ Menschen oft in der rechtsextremen Szene organisiert sind oder gute Netzwerke dorthin haben, ist ja belegt. Im Zuge der Demonstration stürmten die Identitären den Sächsischen Landtag und machten das, was sie immer machen: Transpi in die Höh, Foto machen, sich auf Facebook dafür abfeiern lassen. Puh, wieder einmal das Abendland gerettet. Peinlicherweise verwenden sie auch noch ein Zitat der großen Rosa Luxemburg, ohne zu wissen was es bedeutet oder ohne auch nur einen zweiten Satz jemals von ihr gelesen zu haben.

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Interessant ist, dass die strammen Kameraden aus Sachsen offenbar zu feig waren, das alleine durchzuführen und sich dafür Hilfe aus Österreich geholt haben. Auf dem Foto sind der Obmann der Identitären Österreich sowie Wien zu sehen (Markovics und Sellner) nebst Julian Prochaska, der bei der Demo in Wien im Mai als Julian Bauer aufgetreten ist. Dazu kommt Tony Gerber, der das Gesicht der Identitären Sachsen ist und in Sellner’scher Manier versucht, einen Videoblog zu unterhalten. Oft scheitert es aber schon an Verständigungsschwierigkeiten innerhalb der großen deutschen Kulturnation.

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Die Identitären aus Österreich, speziell Wien, leisten Entwicklungshilfe für das identitäre Projekt, nachdem es in Deutschland nicht so wirklich vom Fleck kommt. Dazu wurden speziell in Sachsen große Anstrengungen unternommen, eine Gruppe aufzubauen. Teil dieser Anstrengungen sind auch Wehrsportübungen, die als Sportcamp getarnt wurden und bezeichnenderweise den Namen „Jahn“ tragen, nach dem völkischen und deutschnationalen Turnvater Jahn.

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Auch in Österreich haben sich die Identitären verbreitert und zentralistisch von oben nach unten neue Gruppen aufgebaut. In Kärnten, Salzburg, der Steiermark, Niederösterreich, Wien und Oberösterreich gibt es regelmäßig Flyer-, Postwurf- sowie Transparentaktionen. Eine überschaubare Gruppe an (immer den selben) Aktivist_innen packt sich zusammen und fährt durch verschiedene Gemeinden und Kleinstädte. Dort pappen sie für ein paar Minuten ihre Transparente mit den immergleichen Sprüchen an eine Wand, fotografieren das und lassen sich (erraten!) auf facebook dafür abfeiern.

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Interessant ist hier das Burgenland, wo der RFJ (Ring Freiheitlicher Jugend) und die Identitären ganz offen zusammenarbeiten. Eine angekündigte Aktion des RFJ entpuppte sich als eine alte identitäre Aktion, die schon vor drei Jahren unlustig war. Offenbar gehen ihnen die Ideen aus. Die vielfältige Geschichte der offenen Zusammenarbeit zwischen FPÖ und organisiertem Rechtsextremismus ist aber ein Kapitel reicher.

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Screenshot, “RFJ”-Aktion

Die Identitären und Pegida

Pegida tobt in Dresden. Erst 4.000, dann 10.000, mittlerweile 15.000 Menschen beteiligen sich an einer Demonstration, die ernsthaft den Namen „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ trägt. Soweit, so abstrus. Viele Menschen haben in den letzten Tagen sehr gute Einschätzungen geschrieben, etwa hier in der taz oder hier von Michael Bittner.

Unterm Strich bleibt: Nein, Pegida ist nicht der spontane Aufstand der leidgeplagten Massen, die sich im hochislamisierten Dresden (von allen Städten!) nicht mehr anders zu helfen wissen. Zum Einen kommen dort alltbekannte Rechtsextreme und Nazis zusammen, die auch sonst bei allen pogromähnlichen Veranstaltungen sind, von Burschenschaftern bis zur NPD und von armen missverstandenen CDUler_innen bis zur AfD. Dazwischen die üblichen Schlägernazis und die kleinbürgerlichen, die Hand in der Hosentasche ballenden Familien und besorgte Bürger_innen, die es „denen da oben“ endlich mal reinsagen können, indem sie gegen Leute hetzen, die um Einiges schlechter dran sind als sie selbst. Kleinbürgerliche Logik seit eh und je: Opfer sein und den Mächtigen das Bein stellen wollen, indem man nach unten tritt, weil man zu feig ist, sich mit Großbürgertum und Adel anlegen zu wollen. Zum Anderen ist das Ganze eine inszenierte und organisierte Veranstaltung, nämlich von einem gewissen Lutz Bachmann, über den und die Seinigen auch schon genug geschrieben wurde.

Pegida ist der Diskurs der Neuen Rechten auf die Straße übertragen. Sie sind nicht links, nicht rechts, sondern besorgt/anständig/vernünftig usw. Und sie haben ja nichts gegen Flüchtlinge/Muslime/Migrant_innen (alles das Selbe in ihrer Logik) ABER Abendland!

Natürlich passen da die besorgten Retter_innen des untergehenden Abendlandes, die Identitären, gut dazu. Hier eine erste Auflistung der Konnexe:

Lutz Bachmann, der sich selbst als gar nicht rechts darstellt, bestellt offenbar gerne im rechtsextremen Versandhandel. Denn nur absoluten Insider_innen dürfte Phalanx Europa, der Merchandise-Shop der Identitären, ein Begriff sein. Wenn man sich ca. 15 Sekunden auf der Seite umschaut, kommt man auf Shirts wie das zynische „Lampedusa Coastguard“ oder Textilien mit menschenfreundlichen Gestalten wie dem japanischen Faschisten Yukio Mishima oder auch Ernst Jünger.

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Der Schriftzug von Phalanx Europa ist im Stile von Lonsdale gehalten, so muss sich auch nicht das sonst so klassische Lonsdale-Publikum (von dem sich die Firma distanziert und antifaschistische Projekte sponsert) umgewöhnen. Phalanx Europa wird von Martin Sellner betrieben, der lange im Umfeld von Gottfried Küssel (dem Obernazi der Zweiten Republik in Österreich) aktiv war und mittlerweile die Identitäre Bewegung in Wien leitet. Bei so einem Shop bestellt der unbedarfte Lutz Bachmann also und trägt stolz ein schwarz, rot, weißes Shirt mit Adler und den Worten „Einigkeit, Recht, Freiheit“ (Anspielung auf die deutsche Nationalhymne). pegida Shirtphalanx

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AntiFa-Recherchen haben ergeben, dass die Identitären aus Österreich selbst zu Pegida nach Dresden gefahren sind, um dann begeistert und pathetisch eine „spontane Volkserhebung“ herbei zu fabulieren.

Auch beim, eher minder erfolgreichen, Pegida-Ableger in Bonn – Bogida (nein, das ist kein Scherz) – sind die Identitären führend dabei. Melanie Dittmer ist dort die Drahtzieherin wird sogar für das ARD-Morgenmagazin interviewt. Der Beitrag ist sehr schlecht und apologetisch, aber hier zu finden. Melanie Dittmer ist die Anmelderin von Bogida und trat am 15.12. auch als Rednerin in Erscheinung, wie bereits bei Dügida in Düsseldorf. In der Lotta Nummer 57  ist ein sehr gut recherchierter Artikel über ihre zahlreichen Aktivitäten in und um die rechtsextreme und neonazistische Szene NRWs. Dittmer ist zudem einer der aktivsten Personen der Identitären Rheinland und Pro-NRW-Funktionärin.

Quelle: indymedia. Facebookprofil Dittmers.

Quelle: indymedia. Facebookprofil Dittmers.

Die deutschen Identitären sind im Vergleich zu Österreich und Frankreich ziemlich lasch, aber in den letzten paar Monaten tut sich um Einiges mehr. Das Rheinland und Sachsen zählen mittlerweile zu den aktiveren Ablegern. Die Identitären im Rheinland rufen offen zur Teilnahme an Bogida, wie auch schon zu Hogesa, auf. Dittmer hat zudem die Identitäre Aktion mitbegründet, die mittlerweile ihre Hauptbeschäftigung sein dürfte. Das ist ein nochmal aggressiverer, aktionsorientierer Arm der Identitären Bewegung. Dittmer ist also das lebende Beispiel für die engen Verknüpfungen zwischen Identitären, offen rechtsextremer Szene, Neonaziszene und der „besorgten“ bürgerlichen Mitte, die für das Abendland demonstrieren. Bogida und der Aufruftext ist nichts anderes als ein (schlecht maskiertes) Projekt der Identitären.

Fazit: Pegida, Bogida usw. sind nichts anderes als die Diskurse der Neuen Rechten auf der Straße. Von „Kein links, kein Rechts“ bis zur „Erweiterung des Rahmen des Sagbaren“ werden zahlreiche Strategien der Neuen Rechten angewandt. Dazwischen tummeln sich dezidierte Führungsköpfe und Multiplikator_innen der Neuen Rechten wie Akif Pirinçci, Vertreter der Sezession oder eben der Identitären. Dass auch die AfD (wenngleich die Leute immer als „Privatpersonen“ handeln) mitmischt, verwundert nicht, nimmt sie doch mittlerweile immer mehr die Entwicklung zur neurechten Partei (auch wenn das ein Paradoxon ist).

Pegida, Bogida, Kagida bringen zusammen, was schon längst zusammen gehört und nie getrennt war: Ein verrohtes Bürgertum, dass sich diffus wirkende Aktivierungspunkte sucht und findet. Von antifeministischen und homophoben wie transphoben Ausfällen bis zum antimuslimischen Rassismus und dem Hass auf Flüchtlinge spannt sich ein breites Feld auf, das nun auch aktionistich beackert wird, nachdem es in den letzten Jahren durch die Diskurse von rechtsextremen Intellektuellen vorbereitet wurde.

Vom Blut leben sie alle – die Einstürzenden Neubauten und der Erste Weltkrieg

neubautenlament

Pressefoto von neubauten.org

Lament von den Einstürzenden Neubauten ist eines der großartigsten Alben der letzten Jahre. Und bitte lasst mich ausführen/davon schwärmen, warum dies so ist. Es ist eine lange Rezension. Wer sich nur ein Fünkchen für den Ersten Weltkrieg oder gute Musik interessiert, der_die möge sich die Zeit nehmen, sich überzeugen zu lassen.

Lament ist ein Konzeptalbum zum Ersten Weltkrieg. Das flämische Kulturministerium hat es bei den Neubauten in Auftrag gegeben und die haben sich nicht lumpen lassen. In österreichischen Schulen lernen wir ja gar nicht so rasend viel über den Ersten Weltkrieg, aber in Flandern wurden zu Kriegsbeginn sehr arge Kriegsverbrechen von Seiten der Deutschen begangen. Es ist also sehr symbolisch, wenn die Uraufführung von „Lament“ genau in Diksmuide in Flandern stattfand.

Zum Album selbst: Wo soll ich nur beginnen? Etwa damit, dass das erste Lied “Kriegsmaschinerie” in einem grusligen, mehrkehligen, verzerrten und beängstigenden “Hurra” endet? Davor steigert sich in bester Neubauten-Manier metallischer Lärm in einen schnellen Strudel. Das Geniale: Er symbolisiert nicht den Schlachtenlärm, sondern konterkariert das „Augusterlebnis“ und den „Geist von 1914“, als in Deutschland die Massen vom Krieg euphorisiert waren und es zu einem unglaublich nationalistischen Schub in der Öffentlichkeit gekommen ist. Die Neubauten haben bei “Kriegsmaschinerie” also nicht das Offensichtliche genommen, sondern einen Twist eingebaut, der spätestens bei “Hurra” erkennbar ist.

Oder das zweite Lied. Eine-Hymnen-Zerfetzung, wie es sie seit Hendrix nicht gegeben hat. Ein Mash-Up aus “Heil dir im Siegerkranz”, “God Save the King” und der französischen Version von letzterem, die Teil der Nationalhymne Kanadas war. Der Clou: Alle Hymnen haben die selbe Melodie. Dazwischen wieder ein wunderbarer Effekt, der wie ein scharfes, gewetztes Messer klingt, das durch die Luft gleitet. Alle zwei Zeilen ändert sich die Sprache. Ein wunderbarer Spott auf die Monarchien, der mit einem zeitgenössischen Spottlied auf den Kaiser endet, für das der Verfasser damals ins Gefängnis kam. Und Blixa singt das so schön gallig, die Abneigung gegen Thron und Reich ist fast physisch zu fassen.

Im dritten Lied werden die Telegramme zwischen Kaiser Wilhem II und Zar Nikolaus auszugsweise gesungen. Diese sind auf englisch erhalten geblieben und wurden sogar schon 1918 publiziert. Unterschrieben mit “Willy” und “Nicky”, die auch noch Cousins waren. Wunderbar, wie sich diese überlagern, Verantwortungen gegenseitig hin und her geschoben werden, heimlich beide ohnehin Krieg planen und sich gegenseitig leere Phrasen von “Frieden” zukommen lassen. Dazwischen immer intensiver werdende Percussions wie Kanonenschüsse.

Dann das auf flämisch gesungene “In de Loopgraf” (Im Schützengraben), ein vertontes Gedicht des expressionistischen Dichters Paul van de Broeck. Ein schönes Gedicht über die Tristesse im Schützengraben eingesperrt zu sein. Das Besondere: Das Lied wird von einem einzigen Instrument begleitet: Einer Stacheldraht-Harfe. Beim Konzert in Prag stand dem Publikum kollektiv der Mund offen, als sie das ausgepackt haben. Über einen Resonanzkörper wurde Stacheldraht gespannt. Es wird wie Percussion gespielt, aber dabei wird der Stacheldraht wie bei einer Harfe angezupft. Das Resultat: Ein Geräusch wie Gewehrsalven oder Artillerie. Scharf, dunkel, gruslig. Unglaublich passend.

Das nächste Lied ist wahrscheinlich das Hauptstück: Der Erste Weltkrieg auf Rohren gespielt. Das geht so: Das Lied dauert 13 Minuten und16 Sekunden und wird in 4/4 gespielt mit 120 beats pro Minute. Jeder beat repräsentiert einen Tag des Weltkriegs. Jedes teilnehmende Land wird auf einem Rohr gespielt, die Kolonialmächte haben mitklingende Rohre, die die Kolonien symbolisieren. An dem Tag, an welchem ein Land in den Krieg eintritt, wird es in 4/4 gespielt und fügt sich dann in die Klangwand der anderen Rohre ein. Jeder Jahreswechsel wird angesagt, dazwischen (am entsprechenden Tag) die wichtigsten Schlachtplätze. Dabei werden nicht nur die bekannten europäischen Kriegsschauplätze wie Somme, Verdun usw. angesagt, sondern auch der Suez-Kanal oder Monastir. Nach und nach steigert sich das Ganze zu einem vielschichtigen Klanggewirr, das eben zeigt, warum das ein Weltkrieg war und wieviele Länder davon betroffen waren. Ab den Tagen, an denen Waffenstillstände in Kraft traten, fallen die Länder wieder raus und nach und nach entwirrt sich der Rohrlärm wieder. Die kreative wie handwerkliche Leistung dieses Liedes ist echt der Hammer. Besonders live hieß das, dass die Musiker zu dritt vor dieser riesigen Rohrinstallation standen und auf diese sehr präzise eingeschlagen haben, mit unterschiedlichen Takten auf jeder Hand. Die wurden live gesampelt und eingespielt, weil ja nur höchstens 6 Länder gleichzeitig spielbar waren. Und das 13 Minuten lang, die haben nachher ausgeschaut wie nach einem 4h workout. Ganz grandios.

Auch schön: Zwei Lieder der Harlem Hellfighters sind auf dem Album. Das war ein rein afroamerikanisches Regiment, das im Ersten Weltkrieg der französischen Armee unterstellt war, weil es aufgrund der Segregation in den USA nicht möglich war, dass sie in der Army kämpfen konnten. Das Regiment wurde bald als Harlem Hellfighters berühmt und berüchtigt. 1918 nahmen sie acht Lieder auf, wovon die Neubauten zwei wieder ausgegraben haben. “On patrol in no man’s land” erzählt recht entspannt von der Gefahr, sich zwischen den Frontlinien aufzuhalten. “All of no man’s land is ours” erzählt vom Sieg und der Freude, wieder heim zu kommen. Die bittere Ironie ist, dass “all of no man’s land” ihnen gehört, sie aber in eine Gesellschaft zurück kommen, die kaum einen Platz für sie hat. P.S.: Alexander Hacke hat eine schöne Blues-Stimme, wirklich.

“Achterland” ist wieder auf flämisch und wieder von Paul van den Broeck und erzählt sehr gallig von denen, die sichs im Hinterland bequem machen und ein Interesse daran haben, dass der Krieg vorne schön weiter geht, denn “Vom Blut leben sie alle”. Am Konzert bin ich draufgekommen, dass die Percussion nicht einfach irgendetwas, sondern diese typischen Erste Weltkriegs-Holz-Krücken sind. Das gibt dem Ganzen noch einmal eine ganz besondere Stimmung.

Das dreiteilige “Lament” fängt mit einer schönen Klang- und Wortcollage an, die sich immer weiter steigert und den Krieg als Ausfluss der Machtinteressen der Herrschenden darstellt. Schön lärmig am Ende. Viel Atmosphäre. Das geht über in ein Gedicht eines niederländischen Renaissance-Dichters, der in Diksmuide begraben liegt. Das Gedicht wird von Kriegsgefangenen erzählt, die Aufnahmen sind von 1916 und 1917 und werden zusammengeschnitten.

Als nächstes „How did I die“, das musikalisch auf der „Roten Melodie“ von Tucholksy basiert. Tucholsky hat das als Spottlied gegen Ludendorff geschrieben, der sich für das Abschlachten zu verantworten hätte.

Wunderschön minimalistisch auch die Neubauten-Version von „Sag mir wo die Blumen sind“, bekanntlich vom kürzlich verstorbenen Pete Seeger. Die deutsche Version ist für Marlene Dietrich geschrieben worden. Sie war die erste Person, die in Israel öffentlich mit einem deutschsprachigen Lied auftrat und es war dieses. Als Nazigegnerin wurde sie positiv empfangen. Auch wenn es nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben wurde, so ist es natürlich ein universelles Antikriegs-Lied und passt auch sehr gut in diesem Kontext. Schön wie hier auf sämtliche Dramatik oder Effekte verzichtet wurde und das Lied einfach für sich alleine steht, da es in seiner Aussage ja nicht gebrochen oder untermalt werden muss.

Großartig auch der Abschluss des Albums: Ein Stück eines deutschen Kabarettisten aus der Zwischenkriegszeit, der mit Tierstimmen den Beginn des Ersten Weltkriegs nachstellt. Ja, genau das. Der Hund ruft „Kkrriiieg“ und das Schwein erkennt schon die vorbeilaufend „quiiekaaartillerie“. Das Ende des Stückes ist mit seiner Erwähnung Hitlers sehr voraus blickend, vor allem wenn man bedenkt, dass das Stück von 1926 ist. Blixa Bargeld, der Tierstimmen nachmacht – wie konnten wir so lange ohne diesen Hörgenuss leben? Das ist nur perfekt. Untermalt vom wunderbaren Neubauten-Lärm.

Das letzte Lied ist das zuvor beschriebene, „All of no man’s land is ours“. Sehr passend, weil es eben einen bitteren Nachgemack hat.

Dieses Album hat so viele Schichten und Ebenen, das sie kaum alle aufzählbar sind. Zum Einen entledigen sich die Neubauten einfach sämtlichen Narrativen des Weltkriegs und erzählen ihn ganz neu. Das klingt wie ein Klischee, aber es ist so. Es geht nicht um pseudoobjektive Chronologien von Sarajevo bis Versailles, sondern darum, radikal Position zu beziehen, ohne in pseudomoralisierende Betroffenheitsphrasen zu verfallen. Die Neubauten gehen mit einer Leichtigkeit an das Thema, ohne den Krieg je ironisch zu sehen oder die Erlebnisse nicht ernst zu nehmen. Im Gegenteil, sie nehmen das sehr ernst. Dementsprechend auch die Häme und der Spott gegen die Herrscherhäuser und Kriegstreiber, der wirklich tief geht und böse ist, denn Ironie wäre viel zu seicht und distanziert. Gleichzeitig werden die Geschichten derer erzählt, an die sich nicht mehr so viele erinnern, wie eben jene der Harlem Hellfighters. Das ist im allerbesten Sinne des Wortes Kunst. Kunst, die radikal und subversiv ist, Stellung bezieht, ohne das auf bürgerlich-selbstgefällige Art wie ein Schild vor sich herzutragen. Es ist das relevanteste, beste und kreativste Album der letzten Jahre. So klar wurde der Erste Weltkrieg seit der Zwischenkriegszeit nicht mehr beschrieben.

Dönmez von Sinnen

Die Neue Rechte und die FPÖ machen sehr viel zusammen, das ist nicht neu. Thilo Sarrazin lässt sich gerne einladen und Eva Herman sowieso. Akif Pirinçci darf da nicht fehlen. So veranstaltete unlängst der Ring Freiheitlicher Studenten (sic!) eine Podiumsdiskussion in Graz mit dem Autoren.

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So wundert es nicht, dass nun die FPÖ nachzieht.

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Akif Pirinçci ist vielen von seinen Felidae-Romanen bekannt. Er hätte auch einfach dabei bleiben können. Über viele Stationen, unter anderem Henryk Broders Blog Achse des Guten, hat er es zum lautesten, derbsten und widerlichsten Vertreter der Neuen Rechten geschafft. Migrant_innen, Homosexuelle, aber vor allem Frauen hasst Pirinçci aus voller Überzeugung. Pseudorebellisch bedient er sich einer Fäkalsprache und heuchelt Hemdsärmeligkeit. Er ist so der ideale Vertreter des das-wird-man-doch-noch-sagen-dürfen Milieus zwischen Junger Union, Blauer Narzisse, zwischentag, eigentümlich.frei, Identitären und eben FPÖ. Sein Buch „Deutschland von Sinnen. Der irre Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“ wurde natürlich ein Hit. Seine Widerlichkeit lässt sich auch an dem Screenshot erkennen, wo er in bester Midlife Crisis-Manier nach jungen Frauen fragt. Er gibt sich wirklich alle Mühe wie ein notgeiler, alter Sack zu wirken, auch schon in der Vergangenheit und gerne gegen Frauen in marginalisierten Positionen.  Gerne schreibt der Herr auch lange Ergüsse, in denen er das Aussehen von jungen Frauen beschreibt, die in seinem Weltbild alle nur auf der Welt sind, um seine Machtphantasien zu befriedigen.

Über Strache brauche ich wohl keine Worte verlieren.

Melanie Schneider ist für die „Alternative für Deutschland“ im Stadtrat von Zweibrücken (Rheinland-Pfalz) vertreten und bei der Jugendorganisation „Junge Alternative“ aktiv. Sie ist einer der Köpfe hinter der antifeministischen Kampagne der Jugendorganisation, die vielfach ob ihrer Borniertheit persifliert wurde.

Spannend ist, dass Efgani Dönmez von den Grünen teilnimmt. Wie lustig das der Rest der Grünen findet, sei dahingestellt. Dönmez hat bekanntlich schon in der Vergangenheit kein Problem mit homophoben und rassistischen und frauenverachtenden Positionen gehabt. Insofern ist er bei Pirinçci vielleicht ganz richtig.

Identitäre und „Hooligans gegen Salafismus“

In Köln waren am 26. Oktober, nach verschiedenen Berichten, zwischen 2500-4000 Nazihooligans auf der Straße, um vermeintlich gegen Salafismus zu demonstrieren. Die bekannte rechtsextreme Band „Kategorie C“ durfte seelenruhig in aller Öffentlichkeit auftreten. Die Lage eskalierte und wie sich das alles noch entwickelt, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Meine Solidarität ist bei allen Antifaschist_innen, die gegen die Nazis demonstrieren.

Spannend ist, dass bei diesem recht einschlägigen Nazievent auch ein Banner mit einem dezidierten Spruch der Identitären auftaucht: Heimat, Freiheit, Tradition.

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Dieser Spruch ist in der Form ausschließlich von den Identitären. Sie vertreiben ihn auf Stickern, riefen ihn bei ihrer Demo am 17. Mai in Wien (wie von WienTv dankenswerterweise festgehalten) und schmieren ihn mit Kreide auf die Straße.

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Auch auf Facebook und Twitter wird dieser Spruch zur Propaganda verwendet.

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Nun taucht dieser Spruch, den keine andere Gruppe verwendet, sogar im selben Design bei der Nazidemo in Köln auf. Da ist es auch passend, dass sich zumindest ein Teil der German Defence League in Köln gerade in die Identitäre Bewegung Rheinland eingegliedert hat. Der Teil der German Defence League, der sich den Identitären angeschlossen hat, werde sich (laut Artikel) „an der Kundgebung der Hooligans gegen die Salafisten beteiligen“. Ein Führungskader von „Hooligans gegen Salafismus“ fühlt sich der Identitären Bewegung verbunden, laut dem Artikel. Er hat sich allerdings aus der Organisation zurückgezogen, war aber als Teilnehmer anwesend.

Die Identitäre Bewegung Rheinland ruft offen zur Teilnahme an der Demo auf. Mittlerweile wurde der Aufruf von der Seite gelöscht, da hat wohl jemand gemerkt, dass das dem Image der soften Hipsterrechten schadet.

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aufruf2

 

Sie sind, zumindest auf facebook, recht aktiv und teilen auch gerne Berichte der Identitären aus Österreich. Der Kontakt ist so eng, dass die Rheinländer_innen auch bei der Minidemo der Identitären in Wien dabei waren.

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Die Identitäre Bewegung Deutschland ist da verklausulierter und ruft nicht direkt zur Demo auf. Sie liefert aber ideologisch den passenden Stoff wenige Tage davor. Ein Aufruf zur Demo zu gehen, darf selbstverständlich darunter stehen bleiben.

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Ergänzung: Die Begeisterung dürfte auf Gegenseitigkeit beruhen, so teilt doch die offizielle Facebookseite von “Hooligans gegen Salafismus” mit dem Namen “Gemeinsam sind wir stark” Sujets der Identitären:

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