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Lieber Herr Pilz,

ich teile Ihre Sichtweise nicht.

1.) Der »Schwarze Block« ist eine polizeiliche Konstruktion, die es in der Realität nicht gibt. Dieses Label suggeriert, hier würde eine Gruppe streng (von oben) organisiert in einheitlicher Weise mit denselben politischen Zielen und politischen Handlungsweisen agieren. Ein Blick in die Forschungen zu sozialen Bewegungen zeigt, dass diese Formulierung von Anfang an schon den Zweck hatte, linke und antifaschistische Politik von polizeilicher und politisch rechter Seite zu stigmatisieren und zu kriminalisieren. Tatsächlich ist das, was Sie als »Schwarzen Block« bezeichnen, keine existierende politische Gruppe und eigentlich noch nicht einmal eine Praxis. Die KleidungsträgerInnen haben durchaus unterschiedliche politische Vorstellungen und Anliegen. Die Geschichte der dunklen einheitlichen Kleidung auf Demonstrationen ist sehr stark mit – nicht selten geltendes Recht überschreitender – Polizeigewalt verbunden, vor der es sich zu schützen galt. Auf antifaschistischen Demonstrationen hatte sie immer zuallererst den Zweck, sich vor Übergriffen aus der Nazi-Szene zu schützen, die auf solchen Demonstrationen am Rand Fotos von den TeilnehmerInnen macht und diese Fotos für gewalttätige Übergriffe im Nachhinein nutzt. Auch beim Akademikerball schlichen Nazis um die Hofburg und fotografierten ihre politischen Gegner.
2.) Bevor die Grünen vor der Kronen-Zeitung und der FPÖ einknicken, wäre es auch aus Ihrer eigenen Demonstrationserfahrung heraus sicher sinnvoll genau zu schauen, wie es genau zu den gewalttätigen Situationen kam. Die Geschichte sozialer Bewegungen zeigt auch hier, dass solche Situationen zumeist komplexer sind, als es all jenen, die dann im Nachhinein vom Fernseher aus laut aufschreien, medial vermittelt wird. Sehr oft ist eben auch massive und unbegründete Polizeigewalt Teil von Situationen, in denen es zu Eskalationen am Rande von Demonstrationen kommt.
3.) Ist es wirklich sinnvoll, in einem Land wie Österreich, in dem es einen bedenklich rechten und antidemokratischen und von Rassismus geprägten Grundkonsens gibt, zumal am Holocaustgedenktag, in der Öffentlichkeit den Fokus auf die wesentlich wenigeren gewaltbereiten DemonstrantInnen zu richten? Wäre es erste politische Aufgabe, jenen OrganisatorInnen ausdrücklich zu danken, deren langjähriger ehrenamtlicher Arbeit es zu verdanken ist, dass Tausende Menschen auf die Straße gehen? Machen wir uns nichts vor: Es sind vor allem linke und nicht parteilich organisierte AntifaschistInnen, deren mühsamem Engagement wir zu verdanken haben, dass die rechtsextremistische, antidemokratische Elite Europas sich nicht unbehelligt in der Hofburg treffen kann, um ihre menschenverachtende Politik zu stärken. Wir haben jenen Danke zu sagen, die sich bei Minusgraden auf die Straße begeben, zivilen Ungehorsam ausüben und sogar riskieren, von PolizistInnen mit zu viel Adrenalin einen Knüppel über den Schädel gezogen zu bekommen. Welche antidemokratischen Ressentiments auch in der Polizei vorhanden sind, haben nicht zuletzt die Aussagen Pürstls bei »Im Zentrum gezeigt«.
4.) Seien wir ehrlich: Auch in der Geschichte der Grünen in Europa gibt es viele Demonstrationen und Protestaktionen, in denen die Beteiligten zivilen Ungehorsam ausübten, der auch das Gesetz übertrat. Viele demokratischen Errungenschaften wie die Gleichstellung von Frauen usw. sind durch Menschen erreicht worden, die im Zweifelsfall auch bestehendes Recht überschritten haben, wenn es offensichtlich dem Unrecht zu nahe rückte.
5.) Wer sich mit der Geschichte des Kampfes gegen den Faschismus und für eine demokratischere Gesellschaft beschäftigt, muss einsehen: Nazis und ihre Verbündeten haben sich noch nie durch Lichterketten vom Morden abhalten lassen. Am stärksten waren Kämpfe für eine gerechtere Welt immer dann, wenn ihre unterschiedlichen AkteurInnen keine Grenzen untereinander gezogen haben. In diesem Sinne danke ich allen DemonstrantInnen ausdrücklich für ihr starkes Engagement gegen die menschenfeindlichen und antidemokratischen SchmissträgerInnen in der Hofburg. Ich selbst war übrigens bei der friedlichen OGR-Demonstration, die im Nachhinein wesentlich mehr Verletzte durch Polizeigewalt zu verzeichnen hatte. Fragen Sie doch einfach die Wiener Rettung.

Diese Text wurde dankenswerterweise von Anonym zur Verfügung gestellt.

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