Identitäre und „Hooligans gegen Salafismus“

In Köln waren am 26. Oktober, nach verschiedenen Berichten, zwischen 2500-4000 Nazihooligans auf der Straße, um vermeintlich gegen Salafismus zu demonstrieren. Die bekannte rechtsextreme Band „Kategorie C“ durfte seelenruhig in aller Öffentlichkeit auftreten. Die Lage eskalierte und wie sich das alles noch entwickelt, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Meine Solidarität ist bei allen Antifaschist_innen, die gegen die Nazis demonstrieren.

Spannend ist, dass bei diesem recht einschlägigen Nazievent auch ein Banner mit einem dezidierten Spruch der Identitären auftaucht: Heimat, Freiheit, Tradition.

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Dieser Spruch ist in der Form ausschließlich von den Identitären. Sie vertreiben ihn auf Stickern, riefen ihn bei ihrer Demo am 17. Mai in Wien (wie von WienTv dankenswerterweise festgehalten) und schmieren ihn mit Kreide auf die Straße.

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Auch auf Facebook und Twitter wird dieser Spruch zur Propaganda verwendet.

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Nun taucht dieser Spruch, den keine andere Gruppe verwendet, sogar im selben Design bei der Nazidemo in Köln auf. Da ist es auch passend, dass sich zumindest ein Teil der German Defence League in Köln gerade in die Identitäre Bewegung Rheinland eingegliedert hat. Der Teil der German Defence League, der sich den Identitären angeschlossen hat, werde sich (laut Artikel) „an der Kundgebung der Hooligans gegen die Salafisten beteiligen“. Ein Führungskader von „Hooligans gegen Salafismus“ fühlt sich der Identitären Bewegung verbunden, laut dem Artikel. Er hat sich allerdings aus der Organisation zurückgezogen, war aber als Teilnehmer anwesend.

Die Identitäre Bewegung Rheinland ruft offen zur Teilnahme an der Demo auf. Mittlerweile wurde der Aufruf von der Seite gelöscht, da hat wohl jemand gemerkt, dass das dem Image der soften Hipsterrechten schadet.

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Sie sind, zumindest auf facebook, recht aktiv und teilen auch gerne Berichte der Identitären aus Österreich. Der Kontakt ist so eng, dass die Rheinländer_innen auch bei der Minidemo der Identitären in Wien dabei waren.

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Die Identitäre Bewegung Deutschland ist da verklausulierter und ruft nicht direkt zur Demo auf. Sie liefert aber ideologisch den passenden Stoff wenige Tage davor. Ein Aufruf zur Demo zu gehen, darf selbstverständlich darunter stehen bleiben.

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Ergänzung: Die Begeisterung dürfte auf Gegenseitigkeit beruhen, so teilt doch die offizielle Facebookseite von “Hooligans gegen Salafismus” mit dem Namen “Gemeinsam sind wir stark” Sujets der Identitären:

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Rechte Vernetzungen zur Europawahl – Wenn die NPD einlädt…

UPDATE: Ort wurde geändert/konkretisiert

In vier Tagen am 22.März gibt es in Kirchheim/Thüringen ein Gipfeltreffen, das sich gewaschen hat. Die Jugendorganisation der NPD, die Jungen Nationaldemokraten (JN), laden unter dem revoluzzerischen Titel „Aktion Widerstand“ zum Kongress rechtsextremer (Jugend)Organisationen. Und die Gästeliste kann sich sehen lassen: Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte; Griechenland), Blocco Studentesco (Italien), Identitäre Bewegung Deutschland (unklar – Erklärung weiter unten), Nordisk Ungdom (Schweden), NSV! (Flandern), Danskernes Parti (Dänemark), Europäische Aktion, Dělnická mládež / DM (Tschechei), Svenskarnas parti (Partei der Schweden), PNOS (Partei National Orientierter Schweizer) sowie Nick Griffin von der British National Party und die NPD-Granden Olaf Rose und Udo Voigt.

Aus mehren Gründen ist dieses Treffen spannend.

Zum einen natürlich aufgrund der teilnehmenden Organisationen bzw. die Namensgebung:

Aktion Widerstand – dabei handelte es sich um eine nach einjährigem Bestehen aufgelöste rechtsextreme Organisation, die vor allem durch gewalttätiges Auftreten bei Demonstrationen und Veranstaltungen auffiel.

Chrysi Avgi – über die Goldene Morgenröte ist schon viel berichtet worden. Etwa, dass Mitglieder mutmaßlich am Mord an Pavlos Fyssas beteiligt waren. Oder das traditionell faschistische Auftreten bei Demonstrationen und die Hetze gegen Migrant_innen (nicht nur in Worten) Mittlerweile droht der Partei sogar das Verbot in Griechenland.

Blocco Studentesco – der Blocco ist die Schüler_innen- und Studierendenabteilung von CasaPound. CasaPound ist ein neofaschistisches Projekt, das seinen Erfolg daraus schöpft, dass es seit Anfang der 2000er linke Protestformen übernimmt und für faschistische Zirkel nutzbar macht. Mehrere besetzte Häuser in Rom bilden die Basis von CasaPound, die mittlerweile auch bei Lokalwahlen antreten. Der Blocco selbst konnte sich unter Schüler_innen eine gewisse Basis erkämpfen und erreichte bei den Wahlen 2009 28% der Stimmen. Während das Symbol von CasaPound die Tortuga (die Schildkröte) ist, so verwendet der Blocco den Mosley-Blitz, entnommen von der British Union of Fascists, die von Oswald Mosley gegründet wurde. CasaPound wirbt gerne mit „weder links noch rechts, sondern CasaPound“ und gibt sich als Kümmerer-Bewegung mit eigenen Unterorganisationen für Katastrophenhilfe oder Umweltschutz. Trotzdem (oder gerade) deswegen pflegen sie einen viel offeneren Umgang mit neonazistischen Gruppen als z.B. die deutschsprachige Neue Rechte (die es zumindest ein wenig zu kaschieren versucht). Erst im Herbst gab es ein Vernetzungstreffen von CasaPound und der Goldenen Morgenröte in Rom.

Identitäre Bewegung – die Identitären als rechtsextreme Spaßbewegung mit der corporate identity gibt es seitdem in Potiers im Herbst 2012 kurzfristig eine Moschee besetzt wurde und das Lambda-Symbol auf einem Banner entrollt wurde. In Deutschland und Österreich fallen sie vor allem im Internet oder mit pseudolustigen Aktionen auf. Die Identitäre Bewegung Deutschland verlautbarte am 28. Februar 2014 auf Facebook, dass sie an diesem Kongress der JN nicht teilnehmen werde, da sich hier eine Szene treffe, „deren Ideologie sie nicht teilen“. Die Veranstalter_innen selbst beharren aber auch auf Nachfrage darauf, dass Vertreter_innen der Identitären anwesend sein werden. Denn auch wenn hier eine brüske Zurückweisung erfolgte, so gibt es durchaus Überschneidungen zwischen Neonazi-Szene und den Identitären, wie in diesem Buch aufgeschlüsselt (kaufen!).

Nordisk Ungdom – Die NU ist ähnlich veranlagt wie CasaPound oder die Identitären: Aktion vor Theorie und viel Popkultur. Sie vertreten einen völkischen panskandinavischen Anspruch und bewegen sich im Umfeld der Schwedendemokraten. Im Gegensatz zu den Anderen (außer Identitäre und NSV) treten sie nicht als Wahlpartei an.

NSV! (Flandern) – Auch die Nationalistische Studentenvereniging kommt aus der Clique rund um die Identitären, sie pflegen besonders enge Kontakte zur französischen Ursprungsorganisation Génération Identitaire. Daneben haben sie aber auch enge Kontakte zu den Jungen Nationalen, was ihnen eine Mittlerrolle im Jugendbereich des europäischen Rechtsextremismus zukommen lässt. Der NSV bewegt sich zudem im Umfeld des Vlaams Belang. Außerdem pflegt er enge Verbindungen zu den deutschnationalen Burschenschaften in Österreich und Deutschland.

Danskernes Parti (Dänemark) – Die DP steht vor allem durch ihren Obmann Daniel Carlsen im Blickpunkt der dänischen Öffentlichkeit. Dieser war bis 2011 Mitglied der „Nationalsozialistischen Bewegung“. Er hat auch eine recht klare Position zum Holocaust, nämlich, dass es keine organisierte und systematische Vernichtung von Juden und Jüdinnen gegeben hätte und Hitler ein großer Mann gewesen sei. Anderslautende Meldungen sei gemeine Propaganda von Kommunist_innen, Amerikaner_innen und Demokrat_innen. Der Herr besteht übrigens darauf, kein Nazi zu sein…

Dělnická mládež / DM (Tschechien) – Die „Arbeiterjugend“ ist die Jugendorganisation der Arbeiterpartei der Sozialen Gerechtigkeit (DSSS), die schon länger enge Kontakte zur NPD pflegt. In der Frage der Benes-Gesetze werden sie nicht mehr zueinander finden, aber sonst bemühen sie sich um eine gemeinsame Geschichtsschreibung. Die DSSS als Nachfolgepartei der Dlnická Strana (die verboten wurde) knüpft direkt an deren Hass auf Roma und Sinti an. Immer wieder kommt es, speziell im strukturschwachen Nordböhmen, zu pogromähnlichen Angriffen. Die DSSS ist immer wieder dabei.

Svenskarnas parti (Partei der Schweden/SvP) – die Partei der Schweden ist eine neonazistische Partei, die die Nachfolgeorganisation der Nationalsocialistisk front darstellt. Mit ihrem Einzug in das Stadtparlament von Gästrop erhielt zum ersten Mal nach 1945 in Schweden eine offen rechtsextreme Partei einen Sitz in einem Parlament. Mitglieder der SvP waren (ziemlich) wahrscheinlich am Überfall auf Showan und andere Antifaschist_innen in Malmö am 8. März 2014 beteiligt. Showan wurde mit einem Lungendurchstich ins Krankenhaus gebracht und schwebte kurzfristig in Lebensgefahr. Mittlerweile geht es ihm wieder besser. Dieser Überfall hatte die größte antifaschistische Demonstration Schwedens zur Folge, am 16. März gingen über 10.000 Menschen in Malmö auf die Straße. Die SvP soll davor auch gute Kontakte in die Ukraine gepflegt haben und sich sogar auf Unterstützungsreise nach Kiew zum Rechten Sektor begangen haben.

Der Rechte Sektor (Ukraine) – Der Rechte Sektor bildet(e) den paramilitärischen Arm der Faschisten während des „Euromaidan“. Mit der Swoboda-Partei auf machtpolitischer Ebene und dem Sektor auf der Straße konnten gleich zwei rechtsextreme Blöcke während des Euromaidans (unterstützt von der EU) reüssieren. Der Rechte Sektor beruft sich (wie die Swoboda) auf die Kollaborateur_innen mit der Wehrmacht und feiert den Einmarsch der Wehrmacht in die Ukraine als „Befreiung“. Vertreter_innen des Sektors wären gerne gekommen, erhielten aber (unklarerweise) keine Ausreisegenehmigung. Es wird anscheinend eine Videokonferenz mit Leipzig geben.

PNOS (Partei National Orientierter Schweizer) – die Partei hat nur sehr begrenzt regionalen Einfluss und nicht besonders viele Mitglieder, selbst nach Eigenangaben. Das Programm ist bekannt: Migrant_innenfeindlich, rassistisch und mit einer völkischen Komponente versehen. Im Kanton Bern wurde sie allerdings 2011 ins Regionalparlament gewählt und ihre sieben Kandidaten erhielten über 20.000 Stimmen.

Nick Griffin – Auch die BNP und Griffin lassen sich nicht lumpen, wenn es um Grauslichkeiten geht. Die Vorstellung, dass sechs Millionen Juden und Jüdinnen bei der Shoah ermordet wurden, ist für ihn genauso plausibel, wie dass die Erde flach sei. Er pflegt Kontakt zu Holocaustleugnern und Revisionisten. Im Gegensatz zu den Anderen ist die BNP dort, wo die anderen Parteien und Organisationen wohl noch hin wollen und auch kommen werden: Sie hat einen Sitz im EU-Parlament.

Die Schmuddelkinder-Allianz

Während woanders die FPÖ, der Front National, die Schwedendemokraten, der Vlaams Belang und andere an einer rechten Saubermänner_Sauberfrauen-Allianz basteln, ist diese Konferenz in Kirchheim der erste sichtbare Versuch einer lagerinternen Gegenallianz. Bemerkenswert ist, dass zwei Organisationen dabei sind, die eigentlich aus dem Umfeld der anderen Allianz kommen (Vlaams Belang und Schwedendemokraten). Besonders der Front National fürchtet, dass ein zu inniges Verhältnis zu offen rechtsextremen Organisationen den ersten Platz bei den Wahlen zum EU-Parlament im Mai gefährden. Deswegen lehnten sie die Zusammenarbeit mit einigen Organisationen ab. Andere, wie die FPÖ, akzeptiert man aufgrund ihrer Größe und ihrer Funktion als Vernetzerin. Das soll nicht bedeuten, dass der Front National nicht rechtsextrem wäre. Die Strategie der Allianz, die sich da bildet, ist aber sich möglichst staatstragend zu geben und dabei trotzdem Protestalternative zu sein. Aber auf keinen Fall auf eine Art und Weise, die Leute verschrecken könnte.

Die Schmuddelkinder rund um die NPD dürfen in diesem erlauchten Kreis nicht mitmachen. Also haben sie wohl ein Gegenprojekt gegründet, dass ganz anders daher kommt. Mit Revolutions-Gepose, faschistischer Ästhetik und militantem Auftreten. Nach dem Motto: Wenn es eh schon egal ist, dann können wir auch offen zu all unseren Freund_innen stehen. Und dann kommt so eine illustre Ansammlung der europäischen Rechten zusammen, wie es bis jetzt selten der Fall war. Es gibt noch viele Unklarheiten in der Szene. Um einige Parteien und in welcher Allianz sie zu verorten sein werden, wird wohl noch intern gerungen. (Etwa die Jobbik) Aber dass sich die Szene nach Zeiten der Konfusion wieder auf zumindest zwei Projekte geeinigt hat, sollte doch zu denken geben. Besonders weil, wie selbstverständlich, außerparlamentarische, parlamentarische und paramilitärische Gruppen einträchtig nebeneinander stehen.

UPDATE: Es gibt einen Aufruf zu antifaschistischen Gegenmobilisierungen.

Europa, Europa über alles

Vorweg: Die Situation in der Ukraine ist komplex. Sehr sogar. Es gibt verschiedene Gruppen, die (berechtigte) Kritik am autoritären System von Janukowitsch äußern. Dass die westlichen Medien kaum im Stande sind die Komplexität und die Linien innerhalb der Proteste nachzuzeichnen, ist wenig verwunderlich. Sie verfallen in Verzücken, wenn sich jemand auf einen Platz stellt und laut „Europa“ schreit. Kleine Korrektur: Das trifft nur zu, wenn es dabei gegen den bösen Osten/Russland geht. Wenn nämlich Refugees die Idee von Europa fein finden, dann werden Zäune hochgezogen. Die europäischen Werte, nach denen jeder freiheitsliebende, demokratisch gesinnte Mensch einen Platz in der ebenso freiheitsliebenden und demokratischen EU (die ja wohl synonym mit Europa gesehen wird, zumindest von sich selbst) hat, entpuppen sich angesichts der „Festung Europa“ als ekelhafte Mischung von Zynismus und lächerlicher Absurdität. Zumal die EU gerade kräftig dabei ist, ihre Form von marktkonformer Freiheit und Demokratie in den Peripherieländern der Union zu verbreiten. Das bedeutet 43% höhere Säuglingssterblichkeit oder ein Ansteigen der Suizidrate um 45%, wie in Griechenland.

Aber im Namen Europas kämpfen, ist noch immer besser als alles andere. Denn dass es eine andere Europakonzeption als die achso freiheitsliebende und demokratische gibt, ist völlig unvorstellbar. Europa ist (vor allem für sich selbst) zum Synonym für alles Gute in der Welt geworden. Großzügigerweise will man auch alle anderen daran teilhaben lassen (nur bitte nicht IN Europa) und verbreitet diese Botschaft ganz im Stil des 19. Jahrhunderts in der Welt, um diesen Anderen auch mal zu zeigen, wie das so geht mit der Freiheit.

Wer glaubt, dass Europa automatisch der Gegensatz zu Nationalismus und Autoritarismus, zu Rassismus und Antisemitismus ist, liegt ziemlich daneben. Es gibt drei grobe Stränge im europäischen Rechtsextremismus, was Europa betrifft: Das Europa der Nationen, was Ethnopluralismus bedeutet und vor allem von der Neuen Rechten geprägt ist, mit starken Nationalstaaten, die eng zusammenarbeiten. Zweitens das Europa der Regionen, wo weniger die nationalstaatlichen Grenzen (die ja auch gerne als „willkürlich“ in Frage gestellt werden) den Grad der Zusammenarbeit bestimmen, sondern regionale Gebilde. Das erlaubt z.B. „Vertriebenen“arbeit zu machen oder (aus österreichisch/deutscher Sicht) Südtirol mit einzubinden. Diese Sicht hat etwa Jörg Haider gegen Ende vertreten. (Als kleinen Einschub gibt es noch den nationalbolschewistischen/eurasischen Strang des Herren Alexander Dugin, ehemaliger Berater von Putin, der von einem Zusammenwachsen Europas und Asiens und einer Abkehr der transatlantischen Beziehungen träumt, der ist aber nicht so bedeutsam wie die anderen drei) Der dritte Strang ist die Idee des europäischen Abendlandes, das gegen die Feinde von außen verteidigt werden müsse. So handele es sich innerhalb Europas um „Brudervölker“ mit mehr oder weniger gleicher „Kultur“, die gemeinsam gegen die Barbaren kämpfen. Diese Sicht rekurriert direkt auf die Waffen-SS. Diese wird dabei (so abstrus das klingt) aus dem Nationalsozialismus hinaus gehoben und zu einem Haufen Burschen voller Ideale verklärt, der für Europa und gegen den bösen („jüdischen“, „asiatischen“) Kommunismus kämpft. Herkunft (innerhalb Europas) hat keine Rolle gespielt, gemeinsam sind sie in bester Absicht, das europäische Abendland vor den Barbarenhorden zu retten, in den Kampf gezogen. Dabei spielt ein großer Grad an Verklärung eine Rolle. Im Gegensatz zur Wehrmacht sei die Waffen–SS aus innerer Überzeugung und freiwillig „für Europa“ in den Krieg gezogen. Die Wehrmacht soll hier dezidiert nicht als das unpolitisches, „gezwungenes“ Pendant zur Waffen-SS präsentiert werden. In manch rechtsextremer Überzeugung steht sie im Prestige allerdings höher. Der Forschungsstand ist in dieser Sache unmissverständlich: Sowohl Wehrmacht als auch SS (wie auch Polizeigruppen) waren an Kriegsverbrechen ungeheuren Ausmaßes beteiligt und haben besonders in der Sowjetunion Landstriche in Schutt und Asche gelegt und die Bewohner_innen ausgelöscht. Das geht nämlich einher mit der Vorstellung des hehren christlichen Abendlandes, das es zu verteidigen gilt: die, die an der unmittelbaren Grenze wohnen, aber nicht mehr dazugehören, haben in dieser Vorstellung keine Existenzberechtigung, da sie eine Gefahr darstellen. Die Rechte lebt von der permanenten Vorstellung des Untergangs und der Bedrohung der Nation/Rasse/Kultur durch finstere Mächte, die „rassisch“ oder eben politisch (Kommunist_innen) identifiziert werden. Russland als Nachfolgestaat der Sowjetunion bietet hier in guter alter SS- Manier einen wunderbaren Nährboden, der diese Vorstellungen beflügelt.

Die Historikerin Ruth Bettina Birn fasst in „Die SS, Himmler und die Wewelsburg“ im Aufsatz „Die SS – Ideologie und Herrschaftsausübung. Zur Frage der Inkorporierung von „Fremdvölkischen““ das Europabild der SS wie folgt zusammen:

„Ganz allgemein wurde in der SS-Propaganda etwa seit 1942 der Gedanke eines Europas mit gemeinsamer Geschichte und gemeinsamen Interessen forciert. Mit einem Rückgriff auf das ehemalige Heilige Römische Reich Deutscher Nation wurde Deutschland als Erbe des „Reiches“ zum Zentrum Europas erklärt, von dem das Schicksal Europas abhänge und die Chance der europäischen Völker, in Ordnung, Wohlstand und Freiheit unter dem „Schutz des Reiches“ zusammen zu leben.“

Das kommt unter Umständen in klizekleinen Ansätzen bekannt vor.

Gerade (aber nicht nur) in den Frontstädten und -ländern gegen den Kommunismus mit mehr oder minder latenten antikommunistischen und antisowjetischen Einstellungen, stieß diese Sicht und die SS als solches auf viel Beifall. Es gab eigene Waffen-SS-Divisionen aus Galizien (heute Ukraine), Lettland, Ungarn, Kroatien, Estland, den Niederlanden, Flamen (Belgien), Dänemark, Norwegen, Wallonie (Belgien), Italien, Weißrussland, Albanien, Frankreich. Dabei waren diese Länder alles andere als gleichberechtigt. Die „Brudervölker“, die fröhlich nebeneinander gegen den Kommunismus marschieren, waren intern nicht ganz so gleich. Innerhalb der SS wurden bald Rufe laut, dass sich „Nichtgermanen“ bitteschön nicht „SS“ nennen sollen. Der Rassismus innerhalb der SS war also (oh Wunder) virulent, auch wenn er nicht dazu geführt hat, dass die SS nur aus „Germanen“ bestanden hat. Neben der SS gab es auch Ordnungs- und Sicherheitspolizei, die sich, wie schon erwähnt, auch an Kriegsverbrechen beteiligte und wo nationalistische Kreise z.B. in der Ukraine ihren Antisemitismus und Antikommunismus ausleben konnten. Die 1. ukrainische Waffen- SS- Division wurde aus Freiwilligen der „Organisation Ukrainische Nationalisten“ gebildet, zu deren Führungskader Stepan Bandera gehörte. Bis heute gibt es (wie auch in den NS-Kerngebieten Österreich und Deutschland und anderen Frontländern wie am Baltikum) große Feiern zu Ehren der SS- Division und den alten Kameraden.

Um die kleine Geschichtsstunde etwas abzukürzen: Es ist genau dieser Bandera, von dem ein großes Bild am Maidan hängt. Es ist dieser Bandera, auf den sich die Swoboda-Partei beruft, die vom Westen, der EU, den USA, von Deutschland und Klitschko als gleichberechtigter Partner gefeiert wird. Es ist die Europaideologie der SS, die hier direkt weitergegeben wird. Die ukrainischen Nationalist_innen brauchen sich nicht zu verstellen, sie haben eine sehr genau Vorstellung von Europa, die es ihnen sehr leicht erlaubt, mit EU-Fahnen am Maidan zu stehen und das europäische Abendland abzufeiern. Bandera war, vor dem Einmarsch der deutschen Truppen, an einem Massaker beteiligt, bei dem 7000 Juden und Jüdinnen und Kommunist_innen ermordet wurden. Nach dem Einmarsch der Nazis hat er sich mit diesen überworfen, was (wie so oft) rechtsextremen lagerinternen Machtkämpfen, aber keiner prinzipiell ideologischen Verschiedenheit geschuldet ist. Er gehörte dann zu den sogenannten „Ehrenhäftlingen“ im KZ-Sachsenhausen (wie etwa auch Schuschnigg), die (wenngleich ihrer Freiheit beraubt) nicht in den selben elenden Umständen leben mussten wie „normale“ KZ-Häftlinge. In den Augen der Nazis war das Leben der „Ehrenhäftlinge“ sehr wohl sehr viel mehr wert als jenes der anderen Häftlinge, z.B. um sie als Faustpfand gegenüber den Alliierten zu benutzen. Bandera kam 1944 wieder frei und floh nach Kriegsende nach Deutschland, wo er 1959 vom KGB erschossen wurde. Das alles zeigt, dass es innerhalb des Rechtsextremismus sehr wohl eine Bandbreite an Vorstellungen und Ideologien gibt, die im Widerspruch zu einander stehen können. Das macht aber nicht die Einen besser als die Anderen. Das macht Bandera nicht zum Freiheitshelden und das macht seine ideologischen Nachfolger_innen nicht zur netten Revolutionsbewegung von nebenan.

Die Situation ist komplex, keine Frage. Zum Mitschreiben: Russland ist sicherlich kein demokratisches System und Janukowitsch in der Ukraine (mittlerweile auch Ex-Präsident) ist sicherlich kein Freiheitskämpfer und es gibt genug linke Kritik, der Raum verschafft werden sollte. Aber es geht bei diesem Kampf nicht darum. So stellen es die Medien zwar dar. Sie glauben, gegen Russland und Janukowitsch mit den ideologischen Nachfolger_innen der SS kämpfen zu können, weil diese „Europa“ schreien. Egal wie schrecklich und schlimm etwas ist, es ist nie zu rechtfertigen mit Nazis oder Faschist_innen zusammenzuarbeiten. Das war historisch gesehen immer und überall ein Fehler. Wer mit Nazis und Rechtsextremen gemeinsame Sache macht, hat keinerlei Unterstützung verdient. Alle, die sie unterstützen, machen sich mitschuldig.