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Lasst uns über Rechtsextremismus reden

Dieser Tage sind viele beeindruckende ideologische Verrenkungen zu bemerken. Über jene einer linken Gruppe, die sich nicht zu blöd war trotz unmittelbarer und vieler Warnungen aus dem gesamten linken Spektrum, mit konservativen, AKPler_innen und in der Folge auch Faschist_innen und Jihadisten-Fanboys und –girls auf die Straße zu gehen, wurde schon viel gesagt. Auch wurden viele richtige und wichtige Worte darüber verloren, dass man gleichzeitig gegen den Putsch in der Türkei und gegen die AKP sein kann.

In den Tagen darauf erhielt die Debatte darüber, dass rechte bis rechtsextreme/faschistische Demonstrant_innen in Wien auf die Straße gingen, einen Staatschef bejubeln, der gerade im Begriff ist, die letzten Reste Demokratie in der Türkei zu beseitigen, aber eine Wendung in der öffentlichen Aufmerksamkeit. Es geht nicht mehr um den politischen Gehalt solcher Demonstrationen, sondern es sind „Türken-Demos“. Die Demonstrierenden werden also einzig auf ihre Migrationsgeschichte (oder die ihrer Eltern oder Großeltern) reduziert. Es geht nicht mehr um die politische Aussage dieser Demonstration, sondern es wirs unterbewusst eine Assoziationskette Türken=Muslime=rückständig=Gewalt in Gang gesetzt. Das ist schlicht rassistisch.

Wieviel darf mich ein anderes Land interessieren?

Schon werden Rufe laut, diese „Türken-Demos“ zu verbieten. Innenminister Sobotka moniert das „Bilden von Parallelgesellschaften“ durch solche Demonstrationen und Mitterlehner fordert „mehr Loyalität zu Österreich“. Und das ist genau nicht der Punkt bei diesen Demonstrationen. Es ist nämlich prinzipiell völlig legitim, sich für die politische Situation anderer Länder zu interessieren. Nicht nur als anteilnehmender politisch interessierter Mensch, sondern gerade auch dann, wenn man Familie und Freund_innen dort hat, also auch einen persönlichen Konnex. Ich habe erlebt, wie die dänische Community ihre royale Hochzeit gefeiert hat vor vielen Jahren. Natürlich ist die viel kleiner und eine royale Hochzeit völlig egal, aber niemand käme auf die Idee dieses Interesse an den Vorgängen in Dänemark als Parallelgesellschaft auszulegen. Bitte tragt eure rückständige Monarchie nicht nach Österreich, wir haben eine lange grausame Geschichte, liebe Dän_innen, wir fordern mehr Loyalität zur österreichischen Republik. Mein Mann, der aus Deutschland kommt, und ich nehmen auch regen Anteil an den Zuständen deutscher Politik auf Bundes- und Landesebene.

Jetzt wird es natürlich heißen: „Alles schön und gut, aber bitte nicht mit einer anderen Fahne demonstrieren“. Aha. Was ist dann mit den Demonstrationen z.B. der Identitären an den Grenzen, wo wir zig Länderfahnen gesehen haben? Warum gab es denn da keinen Aufschrei, dass die Slowen_innen und die Italiener_innen ihre Fahnen bitteschön nicht in Österreich ausrollen sollen? Ich kann mich auch gut an das WM-Finale Frankreich-Italien erinnern, als ich beim Public-Viewing ziemlich einsam im Frankreichshirt dagestanden bin und um mich herum lauter Wiener_innen mit Italienfahne waren. Wo ist die Grenze? Interesse? Nein. Fahnen? Nein. Demonstrieren? Wie soll diese Einschränkung des Demonstrationsrechts ausschauen? Spontandemonstrationen zu verbieten ist ein harter Eingriff in die demokratische Verfasstheit dieser Republik. Entgegen anderslautender Mythen ist es nämlich, aus gutem Grund, immer zulässig, auch spontan, die eigene Meinung kundzutun. Ein Verbot von Spontandemonstrationen ist gefährlich und trifft vor allem linke und kritische Anliegen. Oder geht es rein um ein Verbot für eine einzige spezifische Community, nämlich „Türken“ (wie auch immer das dann festgestellt wird, wer darunter fällt)? Dann ist es schlicht und ergreifend rassistisch.

Alternativ können wir auch die ÖVP selbst fragen inwiefern es legitim ist sich für einen unberechenbaren Mann zu begeistern, der sein Präsidentenamt despotisch, autoritär und zu Lasten von Minderheiten und Frauen auslegt:

Dieses Bild wurde auf der FB-Seite von Lopatka veröffentlicht.

Dieses Bild wurde auf der FB-Seite von Lopatka veröffentlicht.

Rechtsextremismus kennt keine Grenzen

Es gibt noch eine Möglichkeit. Punkt eins: Lasst uns über Rechtsextremismus reden. Denn, oh Wunder, Rechtsextremismus gibt es in allen Ländern. Autoritäre, menschenfeindliche Ideologien von Ungleichheit und Ungleichwertigkeit sind ein grenzenloses Phänomen. Von Organisationen, die dies vertreten, geht eine Gefahr für Leib und Leben von Linken, von Antifaschist_innen, von Minderheiten, von Frauen, von Homosexuellen etc. etc. aus. Dies anzuerkennen wäre ein erster wichtiger Schritt. Wer sich jetzt denkt „no na“ und die Augen rollt, dem_der sei gesagt: Schön wärs. Aber Drohungen werden nicht verfolgt oder ernst genommen und selbst bei erdrückender Beweislast werden Verfahren eingestellt.

Punkt zwei: lasst uns über rechtsextreme Demos im Gesamten reden. Bei der Demonstration am Samstag kam es zu einem Angriff auf ein kurdisches Lokal. Noch in den Stunden danach mussten sich viele kurdische Einrichtungen viele Gedanken über Sicherheit machen und immer wieder kam der Aufruf zu Solidarität und Unterstützung. Gleichzeitig ruft die UETD dazu auf, Oppositionelle und regierungskritische Personen zu melden. Wie kommen die Leute eigentlich dazu, dass sie so einer Gewalt ausgesetzt werden? Wie kommen progressive Kräfte dazu, geoutet und der Gewalt der Rechtsextremen überlassen zu werden?
Kommt euch bekannt vor? Ja, weil es um Rechtsextremismus geht und nicht darum, ob dieser von Türk_innen oder Österreicher_innen oder Slowen_innen ausgeht. (Wobei es hier zum größten Teil um Männer geht) Denn das dahinterstehende Weltbild ist dasselbe: (junge) Männer, die ihr Heil in einer Ideologie suchen, die ihnen Halt gibt und Größe verspricht. Das eigene Dasein wird heldisch aufgeladen in einem großen Kampf zwischen Gut und Böse. Auf der einen Seite die bösen dekadenten linken und liberalen Volksverräter_innen, auf der anderen Seite der soldatische Männerbund, der das Eigene und die angegriffene Nation verteidigt. Dieses Bild deckt sich auch zu guten Teilen mit einem Jihadistischen. (Es gibt eine akademische Debatte darüber, inwiefern es sinnvoll ist Jihadismus als Rechtsextremismus zu sehen, auf die ich hier nicht eingehen kann. Es spießt sich vor allem an der Definition von Volk, zu dem man im Rechtsextremismus nicht beitreten kann, weil blutsgebunden, während Jihadismus sehr wohl Konvertierungen zulässt. Es ist sicher lohnenswert, diese Diskussionen mit Expert_innen aus beiden Kreisen zu intensivieren)

Es ist also sehr wichtig darüber zu reden, wie mit solchen Demonstrationen umzugehen ist. Aufmärsche von Faschos sind immer ein Alarmsignal und dürfen nie hingenommen werden. Es zeigt sich auch wie schwer es ist, in so kurzer Zeit eine Gegendemonstration auf die Beine zu stellen. Und es ist sowieso immer wichtig über das konservative Spektrum zu reden, das den Faschist_innen die Leiter macht. Das gibt es auch. Diese Konservativen, die Rechtsextremismus banalisieren und nicht darüber reden wollen, sondern vom Thema ablenken und andere verantwortlich machen wollen, etwa „Türken“ und „Muslime“ oder eben „Verräter“ und „Linke“. Es ist lächerlich hier in einen bösen türkischen Rechtsextremismus und einen aber-Meinungsfreiheit-ihr-Linken-übertreibt-österreichischen Rechtsextremismus zu teilen. Es ist dieselbe Ideologie. Einerseits bei den Samstag-Demos empört zu sein und es andererseits lustig zu finden, als Journalist antifaschistische Demonstrationen provozieren zu wollen, weil man dann gegen Linke schreiben kann, geht sich nicht aus.

Es geht um Rechtsextremismus. Nehmen wir ihn ernst. Reden wir darüber.

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