Die (schein)heilige Welt von Red Bull

Red Bull ist eine große Marke. Eine sehr, sehr große Marke. Eine Weltmarke. Eine jener Marken, die synonym für das Produkt stehen, das sie feilbieten. So wie Tixo für Klebestreifen. Oder Labello für Lippenpflegestift. Red Bull und Energydrinks sind quasi synonym. Das ist der feuchte Traum für konzernkapitalistische Öffentlichkeitsarbeit. Dann hat man es wirklich geschafft.

Wenn es bei Energydrinks geblieben wäre, dann wäre das nur bedingt schlimm. Red Bull wendet aber dieselbe Strategie auch in seinen Business-Unternehmungen im Sport an. Das erste Versuchskaninchen war eine Nische mit wenig Sponsoring, aber hohem Coolness-Faktor: Extremsportarten. Und schon wurde Red Bull zum Synonym für lässige Typen, die irgendwo runterspringen, runterfliegen, raufklettern, runterbretteln oder waghalsig runterfahren. Die jungen, coolen Typen, die immer aussehen, als wären sie einer Werbung für das schöne, gute, junge Leben entsprungen, wurden gesponsert und Red Bull bekam ein schönes Image – win-win. Nicht ganz. Das Spektakel forderte immer und immer wieder Tote. Natürlich kennen die Sportler_innen das Risiko, aber über die Verantwortung eines Unternehmens, das nach immer mehr und immer ärger strebt, um das Image zu erhalten, darf zumindest diskutiert werden. Nun denn…

Red Bull und Fußball

Genau diese Strategie, die Marke-mit-Produkt-Gleichsetzungsstrategie, versucht Red Bull auch im Fußball umzusetzen. Fußball soll Red Bull werden. Die Spieler am Feld sind nicht mehr nur Markenbotschafter und bewerben neben vielem auch einen Energydrink, nein sie SIND Red Bull. Sie sind jung, dynamisch, nett und spielen guten Fußball – das ist Red Bull. Das kannst du auch sein, wenn du nur den Drink kaufst. Das Geld, das in den Fußball gesteckt wird, ist eine riesige Investition in die Marke Red Bull, nachdem das Engagement im Extremsport an seine Grenzen stößt und nie so viele Leute erreichen kann, wie eben die beliebteste Sportart der Welt. Die österreichische Liga war natürlich ein leichtes Opfer und ein kriselnder Verein (mit großer Vergangenheit) in der Provinz sowieso. Schon damals zeigte sich, wieviel Red Bull von eingefleischten Fans hält – nichts. Denn mit aggressivem Marketing lässt sich ein zumindest solider Grundstock an neuen Fans der Marke begeistern. Wer schon einmal in Wals-Siezenheim bei Salzburg im Stadion war, wird mitten rein gezogen in diese fußballerische Parallelwelt, in der es erstaunlich wenig um Fußball geht. Selbst als Auswärtsfan entgeht einem das bizarre Treiben nicht, in der Pappklatschverteiler alle 5 Meter nur eine skurrile Randnotiz sind. Von Kindern, die in jungen Jahren in einem eigenen Kinderspieldorf an die überpräsente Marke gewöhnt werden bis zu „Fangruppen“, die das Konzernlogo auf Doppelhalter übernehmen wirkt alles seltsam pickig, oberflächlich und instinktiv falsch. So ist es kein Wunder, dass die Spiele, selbst gegen den größten Verein Österreichs, nicht ausverkauft sind und die Auswärtsfans fast immer lauter sind. Auch wenn der Verein selbst gefahrlos an der Spitze steht, Serienmeister ist und das mit Abstand größte Budget und damit die besten Spieler hat. Es interessiert nur niemanden wirklich. Bei normalen Fußballvereinen wäre in solch goldenen Zeiten die Hölle los und es gäbe lange Wartelisten für Karten.  Darum geht es aber bei Red Bull nicht. Denn Salzburg war nur Versuchskaninchen Nummer 2. Es geht um die Ligen, von denen aus der Fußball wirklich umgestaltet werden kann. In bewährter Manier wurde also als nächster Schritt ein Standort gesucht, bei dem sich die Frustration und die fußballerische Hoffnungslosigkeit leicht in die Markenstrategie einordnen lassen – Leipzig. Das ist deswegen so wichtig, weil es nie darum geht „nur“ Sponsor zu sein, da hätte es viele bestehende Vereine gegeben, die gut Geld gebrauchen hätten können und einen krisenfesten Sponsor wie Red Bull mit offenen Armen empfangen hätten.

Red Bull ist aber kein Sponsor, sondern der Verein ist Teil der Markenstrategie. Red Bull will Fußball synonym zur eigenen Marke machen, das ist grundsätzlich anders als das Treiben von (übermächtigen) Hauptsponsoren oder zwielichtigen Mäzenen, was schlimm genug ist. Dabei hat Red Bull aber ein Problem – es gibt noch wirklich viele andere Fußballvereine, die alle guten Fußball zeigen und zur Marke geworden sind. Hier bitte den Unterschied beachten: Ein Fußballverein, den es seit hundert Jahren gibt, wird im modernen Fußball zur Marke. Red Bull ist ein Getränkedosen-Hersteller und verwendet den Fußball als Markenstrategie für die Getränkedosen und nicht, um die Marke eines Vereins zu stärken. Diese Konkurrenzsituation kann man auf vielfältige Weise für sich entscheiden, die wichtigste davon ist: Geld. Viel Geld in kurzer Zeit. Das unterscheidet sich kaum von dem, was Mäzene machen, außer dadurch, dass hier eben ein neuer Verein komplett nach Markenrichtlinien aus dem Boden gestampft wurde.

Die Marke Red Bull steht für jung, modern, dynamisch, cool – so soll also auch der Fußball sein. Nur die Glitzerwelt, aber ohne die Mühsal der Tradition oder der gesellschaftlichen Verantwortung. Denn Fußballvereine sind auch im modernen Fußball nicht nur globale, konkurrierende Marken. Fußballvereine sind auch Verdichtungen gewachsener, gesellschaftlicher Verhältnisse ihrer Umgebung. Für einen Verein wie Borussia Dortmund bedeutet das, dass er zu jedem Zeitpunkt auch für die Stadt und ihre Bewohner_innen steht und stand.  In einem postindustriellen Zeitalter heißt das unweigerlich den Übergang von großen Arbeiter_innen-Schichten zu großen Arbeitslosigkeit-Schichten mitzuerleben. Das bedeutet für einen Fußballverein, der so in der Gesellschaft verwachsen ist auch immer sozialarbeiterische Tätigkeit und demokratischen Austausch mit der eigenen Fanszene. Wenn wir beim Beispiel Dortmund bleiben, so heißt das eine (späte, zu späte?) Auseinandersetzung mit dem Thema Rechtsextremismus. Dortmund ist eine Hauptstadt des Rechtsextremismus und gerade der Fußball ist eine attraktive Betätigungsfläche. Dortmund (und viele andere Vereine) haben darauf mit Sozialarbeit, Bildungsarbeit und sogar Gedenkarbeit reagiert. In vielen Fanszenen kommt es zu eigenen Initiativen in diesem Bereich, etwa bei der Fanszene des FC Bayern München, wenn es um das Gedenken an Kurt Landauer geht oder in Bremen und Mainz, wenn es zum Beispiel um Enttabuisierung von Homosexualität im Fußball geht. Es gibt zig solcher Beispiele und alle zeigen auch, dass organisierte Fanszenen nicht der dumpfe Haufen Idioten sind, als der sie gerne dargestellt werden. Sie sind vielleicht sogar die letzte große Bastion der beständigen Massenorganisierung in einer immer neoliberaleren und durchindividualisierteren Gesellschaft. Damit sind sie inhärent politisch. Dass dabei intern um Hegemonie von verschiedenen Blöcken gerungen wird und das eben auch mit Beteiligung von Nazis, ist klar. Hier tut jeder Verein gut daran, sich klar zu positionieren und jene Fans zu unterstützen, die sich denen in den Weg stellen.

Das bedeutet aber auch, dass für viele Menschen Fußball Teil ihrer Identität, ja sogar Teil ihrer Familiengeschichte ist. Die Ebene hinter dem modernen Fußball und der Marke bleibt also erhalten. In diesem Spannungsfeld bewegen sich die meisten Vereine auch im modernen durchkapitalisierten Fußball. Sogar auf einzelne Spieler trifft dies noch zu – die One-Club- Player und working-class-heroes, die nicht ab 12 in durchorganisierten Fußballakademien waren, sind die Identifikationsspieler, bei denen den Fans das Herz aufgeht.  Diese Ebene fällt bei einem Projekt wie Leipzig komplett weg.

Das könnte insofern egal sein, als Leipzig ein Verein von vielen wäre. Aber, wie oben angesprochen, Red Bull möchte nicht ein Verein von vielen, sondern synonym mit Fußball sein. Und im Wettstreit um das eigene Image stehen ja genau Vereine wie Dortmund, aber auch Köln etc. im Weg. Denn kurzfristig möchte man sich als „sympathischer Bayernjäger mit erfrischendem Fußball“ präsentieren. Das kommt bekannt vor. Genau deswegen ist es nicht nur hilfreich, die eigene Marke, Red Bull, nach allen Regeln der Marketingkunst zu pushen, sondern eben auch den Konkurrenten zu beschädigen. Dabei ist es ja besonders interessant, dass bei den Übergriffen in Dortmund die Transparente im Vordergrund standen und nicht etwaige körperliche Angriffe. Denn die Transparente richteten sich direkt gegen die Marke Red Bull. Die (nicht besonders intelligenten, aber handelsüblichen) Sprüche wie „Red Bull verrecke“ oder „Love Football, hate Red Bull“ wurden zum Kern des Eklats. Dass sich Fanclubs gegen diskriminierende Sprüche (Behinderung, Sexualität, Geschlecht etc.) stellen sollten, sei nochmal extra erwähnt. Nicht wegen Red Bull, sondern wegen der Menschen, die diskriminiert werden, indem sie als Schimpfworte herhalten müssen. Das geht nicht.

Genauso wie körperliche Angriffe natürlich ein No-Go sind.  Es ist aber beeindruckend, wie schnell hier das markentaugliche Narrativ verbreitet wird: Die bösen Prolos aus Dortmund haben den Familienanhang des aufstrebenden Red Bull-Vereins angegriffen, weil die nunmal so sind bei diesen Traditonsclubs. Besser nicht so, sondern lieber den neuen Fußball aus Leipzig, der jung, dynamisch und nett ist. Da passt es, dass man sich weniger mit den körperlichen Angriffen beschäftigt. Dazu gehören nämlich die vielen Berichte in Foren, dass Leipziger Fans gerne chauvinistisch gegen Dortmunder als „Hartz IVler“ oder „Assis“ schimpfen. So ein snobistisches Verhalten berichteten bereits andere Fanlager in der zweiten Liga. In einer Stadt mit 11,6% Arbeitslosigkeit (Leipzig 7,9%) ist das pure Provokation. Man könnte auch fragen, was sich die Polizei eigentlich dabei gedacht hat, die Fanlager nicht sauber zu trennen, wie es bei Hochrisikospielen üblich ist. Oder, auch in Richtung Dortmunder Szene gefragt, ob man denn weiß, ob das eine gezielte und geplante Aktion einer Gruppe war, die um Vorherrschaft auf der Tribüne kämpft und unter deren Deckmäntelchen die Nazis wieder zurück kommen. Das sind alles legitime Diskussionsstränge, die tatsächlich Erkenntnisgewinn hätten. Stattdessen geht es aber NUR um den Schutz der Marke Red Bull. Zu Red Bull darf man nicht böse sein und keine bösen Worte sagen. Das ist beachtlich.  Da passt es dazu, dass Red Bull die Kurbel immer weiter dreht und Borussia Dortmund als Ganzes samt Vereinsführung in Frage stellt und den BVB, ohne dass dabei irgendein Bezug zu den Übergriffen ersichtlich wäre, wie RB Leipzig Geschäftsführer Mintzlaff,  als den “wahren Kommerzverein” darstellen will.

Bilder mit freundlicher Genehmigung: http://brucki.blogspot.co.at/

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(Bilder von 2006 – schon damals war klar wer wo steht. Spiel: Rapid Wien – Red Bull Salzburg 1:1)

Red Bull und Rechtsextremismus

Noch beachtlicher ist dabei, dass Red Bull selbst keinerlei Berührungsängste mit Rechtsextremen hat. Da wird eine Marke so sorgsam und aggressiv gepflegt – immer alles an der Oberfläche, immer alles glänzend und dann begibt man sich mitten unter das who is who des deutschsprachigen Rechtsextremismus. Zum einen zeigt sich das im Sponsoring von Felix Baumgartner, der so bekannt ist, wie kaum ein zweiter Extremsportler und direkt für Red Bull steht. Das war auch die Marketingstrategie. Wenn dieser Felix Baumgartner also öffentlich den Identitären Treue schwört, dann wäre es für jedes Unternehmen zum eigenen Markenschutz wichtig, sofort auf klare Krisenkommunikation zu schalten und sich glasklar zu distanzieren. Zum zweiten mutiert der eigene TV-Sender Servus TV zum Haus- und Hofsender für Rechtsextreme. Als kleiner Einschub: Red Bull wollte den Sender auch schon dicht machen, weil die Angestellten einen Betriebsrat gründen wollten. Aus Angst um den Job haben sie darauf verzichtet und der Sender durfte weiter bestehen. Auch mit Arbeitsrechten hat es red Bull also nicht unbedingt. Zurück zu rechtsextremismus. Da gibt es die Kommentar-Sendung „der Wegscheider“, das liebste TV-Format der FPÖ, das auf Social Media kräftig verbreitet wird.  Der Chef der rechtsextremen Identitären wurde in die prestigeträchtigsten Talk-Show des Red Bull-Senders  eingeladen. Einen offenen außerparlamentarischen Rechtsextremen mit Neonazivergangenheit als geschniegelten und akzeptablen Gast zu präsentieren, ist auch in Österreich ein Tabubruch.  Zur Belohnung verlautbarten Rechtsextreme, dass Servus TV als einziges Medium von einem rechtsextremen Kongress in Linz berichten von dem alle anderen Journalist_innen ausgeschlossen wurden, weil sich die Rechtsextremen schlechte Presse erwarteten. Servus TV selbst bestritt dies. Doch das war kein einmaliger Ausrutscher, auch Menschen wie der freie Abgeordnete Marcus Franz, der immer wieder durch frauenverachtende Aussagen auffällt, die sich im Umfeld von Jobbik bewegenden Eva Maria Barki und, ganz aktuell, Martin Semlitsch aka Lichtmesz, der zum engsten Kreis rund um Götz Kubitschek gehört, waren Gäste der Sendung. Bemerkenswert, wie wenig Red Bull die eigene Marke und das eigene Image gegenüber Rechtsextremismus verteidigt. Um nicht zu sagen: scheinheilig.

 

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Wo die NZZ irrt – bürgerliche Naivität gegen Rechtsextremismus

Vorweg: Ich nehme bürgerlichen Medien wie der NZZ ehrlich ab, dass sie angezündete Flüchtlingsheime schockierend finden und dass sie Rechtsextremismus verdammen. Das ist in keinster Weise zynisch oder ätzend gemeint. Wenn Schlägernazis Leute verdreschen oder der NSU sogar Leute umbringt, dann kocht auch bei ihnen die kalte Wut hoch. Dieser antifaschistische Grundkonsens steht meines Erachtens auch in Österreich außer Frage: Dort wo das Leben von Leuten direkt von Rechtsextremen bedroht wird, gibt es einen breiten Konsens dagegen. (Wenngleich es weniger Aufschrei gibt, wenn es Linke trifft, wie der Angriff der Identitären auf Antifaschist_innen in Graz zeigt.)

Nun gut. Alles in Ordnung, könnte man meinen. Das Problem ist aber folgendes: Es gibt eine große Naivität darüber, wie diese Gewalt entsteht und welche Vorstufen sie hat. Beispielgebend ist hier ein Kommentar aus der NZZ.at, der leider nur kostenpflichtig verfügbar ist. Hier werden drei Argumente genannt, die ich zitieren werde, warum „die Mitte“ nicht gegen Phänomene wie die Identitären auf die Straße geht. Ungewollt zeigt dieser Kommentar aber auf, wie es Bürgerlichen nicht gelingt, intellektuell mit der „Neuen Rechten“ fertig zu werden und sich deswegen in eine naive Trotzhaltung flüchten (ja, vielleicht sogar müssen).

Der Reihe nach – Die Argumente:

  1. Die Identitären sind irrelevant und deswegen muss man nicht gegen sie demonstrieren

Irrelevant in Bezug auf was? Wenn wir als Bezugsgröße den Anbeginn der Zeit und alles, was seit dem geschehen ist, heranziehen – ja, aber sowas von irrelevant. Wenn wir als Bezugsgröße die aktuelle Verfasstheit des Rechtsextremismus hernehmen – in keinster Weise. Im Gegenteil, die SZ hat es letztens so formuliert: „In den Identitären kann man die Zukunft des Rechtsextremismus sehen.“ Nur, dass diese Zukunft in Österreich längst da ist, da die Gruppe in Österreich um einiges weiter ist, als jene in Deutschland. Österreich ist hier in Sachen Rechtsextremismus also Avantgarde, dies ist kein irrelevanter Fakt.

Das zweite Argument im Argument lautet, dass wenn man nicht gegen sie vorgeht, sie keinen medialen Widerhall finden. Dies ist an Naivität nicht zu überbieten und zwar aus zwei Gründen: Erstens haben sie die Aufmerksamkeit auch ohne Demonstrationen, das zeigen Einladungen ins ORF Bürgerforum oder wohlwollende Porträts z.B. in der Wiener Zeitung. Die Frage ist nicht, OB (denn das passiert) sondern WIE über sie berichtet wird und hier gibt es erfreulicherweise vermehrt sehr gute Artikel und Fernsehbeiträge (als Beispiel seien das ORF-Format Heimat Fremde Heimat und der Standard erwähnt). Zweitens schaffen sie sich ihre Aufmerksamkeit selbst. Ich empfehle allen Journalist_innen einen Blick auf die Facebook-Seite der Identitären. Jetzt können wir über vieles spekulieren, zum Beispiel um wieviele „echte“ likes es sich hier handelt und wieviel dazu noch einfach Gruppenaccounts sind, die sich gegenseitig hochjazzen. Fakt ist aber, selbst wenn man all dies in Betracht zieht und großzügig abzieht, ist das eine der erfolgreichsten FB-Seiten einer politischen Gruppe in Österreich. Und wer 2016 noch mit „aber das ist ja nur das Internet“ argumentiert, soll doch bitte in seinem Umfeld erfragen, wieviele Stunden täglich so in Sozialen Netzwerken verbracht werden.

Wir halten als Zwischenfazit fest: Die Identitären sind eine der relevantesten Gruppen gerade im Bereich Rechtsextremismus und sie bekommen mediale Aufmerksamkeit durch offline-Aktionen bzw. schaffen selbst Gegenöffentlichkeit online.

  1. Österreich hat keine Tradition des Widerstands auf der Straße

Dem wird niemand ernstlich widersprechen. Das heißt aber nicht, dass dies nicht änderbar ist bzw. dies nicht von Erfolg gekrönt ist. Der umgekehrte Glaube, dass ohne Straßenwiderstand woanders Widerstand geleistet wird, ist nämlich eine Fehlannahme. Als Beispiel sei der Ball der Burschenschafter in der Wiener Hofburg erwähnt. Über 50 Jahre gehörte er zum Konsens der Republik, niemand hat sich daran gestoßen, dass deutschnationale, rechtsextreme bis neonazistische Burschenschaften (mit informellem Ariernachweis) am Sitz des Bundespräsidenten feierten. Das Argument „wuuurscht, größere Probleme“ zieht hier nicht, denn hier geht es weder um ein Einzelereignis, noch um einen armseligen Haufen irgendwo in einer Scheune in der Provinz. Hier geht es um einen gesellschaftlichen Konsens. Dieser hat sich nicht daran gestoßen, dass Leute, die freudig von sich behaupteten, in der NSDAP „schon zu den Rechten“ gehört zu haben, dort gefeiert haben. Was hat diesen gesellschaftlichen Konsens aufgebrochen? Richtig, die Mobilisierung auf der Straße. Nur deswegen haben viele Menschen überhaupt Kenntnis darüber erlangt und konnten ihren Unmut ausdrücken. Und nur deswegen mussten sich Politiker_innen positionieren. Dies ist ein gutes Beispiel, wie der Widerstand auf der Straße sehr wohl zu einer Diskursverschiebung führen kann.

Apropos Diskurs, das zweite Argument ist, dass anstatt auf der Straße zu demonstrieren „die freie Debatte“ gesucht werden soll. Das klingt, ehrlich, fein. Aber hier kommen wir wieder zur Naivität: Die Annahme, es gäbe einen neutralen Raum, in dem jede_r ungestört die Argumente vorbringen darf und dann rational abgewogen wird, was schlüssig klingt und was nicht nicht, ist nicht einmal am Sonntagstisch daheim haltbar, wie also als Gesamtgesellschaft? Das exakte Gegenteil ist der Fall: Öffentliche Aufmerksamkeit ist ein derart rares Gut, dass jede Zeile und jede Sekunde erkämpft werden muss. Und die Welt ist nicht gerecht, sondern interessensgeleitet. Deswegen hören wir über den Putsch gegen Dilma Roussef so wenig, wissen aber genau über die Wehwechen von Mark Janko im Teamlager Bescheid. Die zweite Hürde: Wie soll ein rationaler Diskurs mit Menschenfeinden aussehen? „Ich finde, Flüchtlinge sollen leben dürfen.“ – „Ich nicht!“ – „Ah schön, jetzt habt ihr eure Positionen dargelegt, lasst uns da mal einen Kompromiss finden.“ Das mag überspitzt klingen, aber darauf kommt es in der Essenz an. Ein geschlossenes (also völlig durchideologisiertes) rechtsextremes Weltbild geht von einer „natürlichen“ Ungleichheit und Ungleichwertigkeit von Menschen(gruppen) aus und das höchste (unhinterfragbare) Ideal ist eine völkische Nation. Hier gibt es kein Diskutieren, denn dieses Weltbild läuft in letzter Konsequenz auf Genozid hinaus. Dies gilt es unter allen Umständen zu verhindern. Dies mit Appeasement und Kompromiss zu versuchen, hat sich historisch immer als fataler Fehlschluss erwiesen.

Wir halten als Zwischenfazit weiters fest: Widerstand auf der Straße wirkt, auch wenn es keine große Tradition in Österreich gibt und es gibt keinen demokratischen Diskurs mit Rechtsextremismus.

  1. Antifaschist_innen sind alles Gewalttäter_innen, deswegen finden die alle doof

Das ist zum Einen eine Verleumdung und zum Zweiten ein selbstgerechter Grund, um ja bloß nie selbst aktiv etwas machen zu müssen. Alle würden wir lieber in einer guten Welt leben, wo wir samstags Eis essend im Laabergbad hocken und nichts trübt unsere Stimmung. Ehrlich, das wäre urfein und alle Antifaschist_innen, die ich so kenne, hätten sich das auch verdammt noch einmal verdient. Stattdessen stehen sie Woche um Woche wieder bereit – entweder in Altenfelden, um zu zeigen, dass man sich nicht durch Brandanschläge einschüchtern lässt oder gegen die Identitären dieses Wochenende oder nächstes Wochenende, um gemeinsam mit LGBTQ-Aktivist_innen gerade jetzt zu zeigen, dass homophobe Religionsfanatiker_innen nicht unwidersprochen marschieren dürfen. Das Argument „bähh, bähh ignorierts es halt“ ist gerade hier perfide: Wie soll ich jemanden ignorieren, der mich umbringen will? Wie soll ich jemanden ignorieren, der möchte, dass meine Freund_innen sterben und ihnen das Recht auf Existenz abspricht? Weil sie homosexuell und/oder geflüchtet sind? Oder weil sie eine nicht-christliche Religion haben? Oder weil sie die falsche Hautfarbe haben? Oder weil sie politisch aktiv sind? Das Privileg der Ignoranz kann sich nur jemand mit richtiger Hautfarbe, richtiger sexueller Orientierung und richtigem Geschlecht aussuchen.

Zum Anderen ist es auch eine simple Verkehrung von Opfer und Täter_innen. Denn Rechtsextreme sind es, die inhärent Gewalt erzeugen. Und zwar sehr lange vor den brennenden Flüchtlingsunterkünften. Hier kommen wir zum Kern: den “Neuen Rechten”. Für Bürgerliche ist dieses Spektrum besonders unangenehm, da es sich als Mischspektrum genau zwischen staatstragendem Bürgertum und offenem Rechtsextremismus bewegt. Der „Extremismus“ ist nicht so weit am Rand der Gesellschaft bei ein paar „Losern“ wie man das gerne hätte, sondern mitten drin. Genau das macht ihn auch so gefährlich. Es ist eine rechtsextreme Elite, die von oben gegen unten hetzt. Das fängt an bei Überlegungen, Arbeitslosen das Wahlrecht abzuerkennen und geht bis zu einer Kulturalisierung sozialer Konflikte. Gerade bei Antifeminismus und antimuslimischen Rassismus sind alle Dämme gebrochen und die Positionen der NPD und der der staatstragenden bürgerlichen Regierungsparteien kaum mehr unterscheidbar. Pogrome und Genozide wurden und werden erst sprachlich und intellektuell vorbereitet. In den 20ern und 30ern des letzten Jahrhunderts war das die „Konservative Revolution“ (mit schönen Büchern wie „die Herrschaft der Minderwertigen“), heute ist es die Neue Rechte. Dies ist keine Bagatelle und kein Anlass für selbstgerechtes Schulterzucken.

Antifaschist_innen diskutieren permanent seit Jahrzehnten über Strategien und sind zu einander oft härter als Journalist_innen, die meinen sich mit einem schnellen Diss-Artikel ein paar Schulterklopfer abholen zu können, oft vorstellen können. Ja, man muss nicht einmal mit anderen reden. Aber dies als Ausrede zu nehmen, nichts zu tun ist nur selbstgerechtes Distinktionsgehabe. Es gibt keine Mitte bei Menschenfeindlichkeit oder nicht. Es gibt keine Mitte zwischen Faschismus und Antifaschismus.

Antirassismus der Reichen

In den letzten Wochen ist sehr viel Tolles und sehr viel Schlimmes passiert. Während die Innenministerin es nicht schafft traumatisierten Menschen ein Dach über dem Kopf zu garantieren, zeigen viele private und politische Initiativen Solidarität und helfen Flüchtlingen wo und wie es nur geht. Schön. Es scheint auch eine neue Sensibilisierung und Politisierung für Rassismus zu geben. Hetzerische Posts oder „Meinungen“ werden nicht toleriert, Leute werden zu Rede gestellt und viele sagen ganz offen, dass das so nicht akzeptabel ist. Doppelt- und dreifachfein.

Jetzt das große Aber. Gleichzeitig wird ein neues-altes Feindbild konstruiert: der dumme, rassistische Prolo. Denn Rassismus, das ist das, was diese Unterschicht macht. Das zeigen die Reaktionen auf das menschenverachtende Flammenwerfer-Posting eines Lehrlings und die Kündigung einer Supermarkt-Angestellten nach einem nicht minder grauslichen Post. Als erste Reaktion ist es natürlich verständlich, hier anerkennend zu klatschen. Schließlich wird hier plumper, widerlicher Rassismus verbreitet, ja sogar der Wunsch ein kleines Mädchen zu töten. Fein, wenn die TäterInnen irgendeine Sanktion für ihren Hass erfahren. Aber da kommen wir schon zu dem Problem. Denn die Sanktion ist der Verlust des Arbeitsplatzes und die Gefährdung der eigenen Existenz. Geschieht ihm recht, denkt man sich. Wünscht man Rassist_innen irgendwas Gutes? Nein. Doch die Sanktionierung mit der Bedrohung der eigenen Existenz geht nur gegen die, die eh nichts haben. Denn reiche Rassist_innen müssen nicht um ihren Arbeitsplatz fürchten, sie sind in ihren Jobs gefestigter und unaustauschbarer und ein Jobverlust bedeutet nicht den kompletten Ruin. Die Sanktionierung mit Jobverlust ist also ein Mittel, welches Arme ungleich höher trifft und damit exklusiv gegen sie angewandt werden kann. Zum Vergleich: Es gibt grindige, rechte Frauen. Ihnen mit Sexismus zu begegnen ist trotzdem falsch, da das gegen das Dasein als Frau an sich geht und nicht gegen ihre Ideologie. Genauso ist es bei Menschen, die zum nichtvermögenden Teil der Gesellschaft gehören. Eine Sanktionierung exklusiv gegen sie schadet mehr als dass sie nutzt. Denn es geht nicht wirklich um Rassismus, sondern um den Schutz einer Marke und öffentlichen Meinung. Mit genau den selben Überlegungen werden Leute gekündigt, die Betriebsräte gründen, Leute nicht angestellt, die sich antifaschistisch betätigen oder Leute nicht verlängert, wenn sie vielleicht mal in Großaufnahme mit Pyros im Ultras Block beim Fußball zu sehen sind. Dann werden nämlich auch alle johlen, weil man es ja verdient hat und selbst Schuld ist. Im Gegenzug haben bekannte Alpha-Twitteranten nichts zu fürchten, wenn sie öffentlich Vergewaltigungswitze machen. Niemand fordert den Verlust des Arbeitsplatzes und den finanziellen Ruin. Im Gegenteil – da wird sich im Pseudorebellenstatus gesonnt. Hier geht es um Kapital (in all seinen Formen, ökonomisch, kulturell, symbolisch und sozial) vs. Nicht-Kapital und nicht um Antirassismus vs. Rassismus. Denn es wird nur der Rassismus von bestimmten Leuten geächtet und dann auf einer Art und Weise, die nur gegen diese Leute mit wenig Vermögen geht. Gleichzeitig entlastet diese Vorgehensweise alle, die nicht so „prollig“ sind wie der Lehrling. Alle können sich auf die Schulter klopfen, denn sie sind ja die Richtigen. Helfen tut das nichts. Aber es ist auch niemand da, der_die die Drecksarbeit macht bzw. diese fördert. „Drecksarbeit“, das bedeutet Aussteigerprogramme, für die kein Geld da ist und die politisch nicht gewollt sind.

Elitärer Antirassismus von oben zeigt sich auch im Lustig machen über die Intelligenz und Rechtschreibschwäche von „dummen“ Rechtsextremen. Weil uns hochwohlgeborenen Schottengymnasiumsabsolvent_innen könnte es nie passieren, dass man ein Wort falsch schreibt. Aber den dummen Rechten passiert das die ganze Zeit. Ein Brüller. Hier wird die Tatsache verdeckt, dass rechtsextreme Einstellungen, Narrative und Ideologien in der sogenannten „Mitte“ stattfinden und nicht an irgendeinem „extremen“ Rand. Es sind die Medienmacher_innen, die Hochschullehrer_innen, die Anwält_innen und andere gesellschaftliche Multiplikator_innen, die Rechtsextremismus so gefährlich machen. Weil sie die Akzeptanz von menschenverachtenden Einstellungen befördern und Diskurse prägen, deren Logik breiter und breiter wirkt. Thilo Sarrazin ist ein größeres Problem, als es ein kleiner Lehrling auf facebook je sein könnte. Trotzdem wird erster zu Alpbach eingeladen und letzterer entlassen. Nicht “die neuen Asozialen”, die “nichts leisten” sind das Problem, sondern die alten, selbstgefälligen Eliten, die nach unten treten und nach oben buckeln.

Für euch ist das ein Spiel

Selten hatte ich so ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit, Abscheu und Unverständnis wie gestern, als ich im deutschsprachigen Fernsehen und parallel auf Twitter die Ergebnisse zur EU-Wahl vernommen habe. Es ist leicht besserwisserisch und defätistisch, jeden Erfolg zu nivellieren, das ist nicht meine Intention. Aber dieses Abfeiern von Nichtigkeiten, die Hilflosigkeit (im besten Fall), wie rechtsextremen Parteien begegnet wird und das Draufhauen auf jede linke Regung, erzeugen neben Desillusionierung (ein gewohntes, altes Gefühl) vor allem Loslösung. Eine seltsame Distanziertheit hat sich eingeschlichen zwischen denen, die Politik „machen“, den Pros, den Könner_innen, denen die 24h für ein Mandat laufen oder anderen dazu verhelfen und mir. Manchmal ist es so, als würde sich das alles durch eine Milchglasscheibe abspielen. Als wäre das ein seltsam schrilles, verzerrtes Schauspiel. Als würde es nach einer Logik funktionieren, die mir nicht begreiflich ist. Wie 50er Jahre Heimatfilme. Da ist alles zu dick aufgetragen, zu behäbig und die Probleme sind zu belanglos. Genauso kommt es mir vor, wenn über Vorzugsstimmen für x oder y diskutiert wird. Als ginge es darum, wer die Kirschen aus dem Pfarrgarten gestohlen hat. Am Ende löst sich alles in Wohlgefallen auf und das Dorf feiert ein Fest.Ich möchte gerne so laut ich kann schreien: ES IST KEIN SPIEL. Niemand interessiert sich für eure Belanglosigkeiten. In Europa marschiert der Rechtsextremismus auf und ihr tut so als wäre nichts. Es ist so furchtbar, das mitanzuschauen und gleichzeitig in die leeren Gesichter der etablierten Parteien zu schauen, die so tun, als passiere das in einer anderen Welt, in einem anderen Europa. Es ist viel zu spät für’s Ignorieren. Das ist an sich keine besonders kluge Strategie, aber jetzt im Moment ist sie auch gefährlich. Die Reaktion macht mich sprachlos. Sprachlosigkeit ist aber falsch. Wir müssen Worte finden. Denn das, was in Europa gestern passiert ist, ändert Vieles. In Österreich haben wir uns öffentlich schon an viel gewöhnt. Rechtsextreme tanzen in der Hofburg, Alltagsrassismus feiert fröhliche Urständ und Antisemitismus wird von gewählten Vertereter_innen ganz offen propagiert.Und was sind die Diskussionsstränge? Etwa, dass „unsere“ Rechtsextremen nicht so schlimm sind wie die der Anderen. Unsere Rechtsextremen sind ja nur „Populisten“, während die in Frankreich so richtige Rechtsextreme sind. Allein die Diskussion verlangt nach einem weiteren Glas Whiskey, straight ohne Eis bitte. Dann sei all den lustigliberalen Medienmenschen gesagt, dass der Front National an der FPÖ nur mehr mit viel Naserümpfen und der Kneifzange anstreift. Nicht die Parteien, mit der die FPÖ zusammen arbeitet, sollte in Österreich das Problem sein, sondern die FPÖ selbst. Keine andere Partei mit offen rechtsextremen Kontakten ist über einen längeren Zeitraum so erfolgreich in Europa wie die FPÖ. Und das gelingt nur durch das komplette Versagen der politischen wie kulturellen Eliten. Ihr habt versagt. Ihr habt deswegen versagt, weil es euch in eurer scheißironischen Gute-Laune-Haltung einfach egal ist. Weil ihr bedröppelt drein schaut, wenn die FPÖ wieder dazu gewinnt, aber im Grunde eures Herzens betrifft es euch auch nicht. Weil Nazis nicht euch verprügeln. Weil ihr nicht von dieser Wand an Alltagsrassismus betroffen seid, aus der es kein Entrinnen gibt. Weil ihr keine Zukunftsängste habt. Weil ihr einfach so flockig weiter lebt, während es vielen einfach nur schlecht geht. Eure Privilegien sind die Armut von Anderen.Die Fraternisierung mit Rechtsextremen geht aber noch weiter. Fast sämtliche deutschsprachige Medien hat der Erfolg von SYRIZA mehr betroffen als das Abschneiden von FPÖ, Front National, AfD, NPD, UKIP, Jobbik, dänische Volkspartei und ähnliche. Ich dachte ich bin schon in einer protofaschistischen Parallelwelt, als der ARD-Moderator die Ergebnisse aus Griechenland verkündete. Mit Betroffenheitsmiene und Grabesstimme verkündete er: “Ein Wahlsieg der linksextremen SYRIZA ist zu befürchten.” Nach einer dramatischen Pause wurden die Ergebnisse verkündet.Unabhängig davon, ob die Positionen von SYRIZA nicht noch vor ein paar Jahren nicht einfach als grundsolide sozialdemokratisch zu bezeichnen gewesen wären, ist das offen antilinke Hetze. Ein antikommunistischer Grundkonsens ist immer auch Grundpfeiler jedes (halb)faschistischen Systems gewesen. Aber das nur am Rande. Wer SYRIZA mehr fürchtet als die anderen genannten Parteien, ist ein_e Handlanger_in des Rechtsextremismus. Es gibt keine neutrale Position, keine Mitte zwischen jenen, die gegen Diskriminerung kämpfen und jenen, die Diskriminierung ausüben. Das Zurückziehen auf die Extremismustheorie ist feige und denkfaul. Die Extremismustheorie im neuen Gewand heißt nun „pro-europäisch“ und „anti-europäisch“. Als ob eine Position zur EU das selbe wie eine Position zu Europa wäre. Und selbst wenn dem so wäre, ist es völlig beliebig, wie diese Einordnung funktionieren soll. Warum ist eine Position pro-Troika und pro-Frontex pro-euopäisch? Warum sollte ich in diesem Europa leben wollen? Oder können? Warum sollte jemand, der gerade aus der Krankenversicherung rausgefallen und seinen Job veloren hat das Dank Troika als pro-europäische Errungenschaft verstehen? Diese Einteilung ist arrogant und abgehoben. Niemand geht zur Wahl und führt vorher einen isolierten, philosophischen Diskurs über Europa mit sich selbst. Leute wählen, weil sie ihre Umgebung wahrnehmen. Leute wählen, weil sie glauben, für ihre Rechte zu kämpfen oder Privilegien absichern wollen. Jemand, der in Athen SYRIZA wählt, weil er nichts mehr zu Essen hat, ist kein Kämpfer gegen euer achsotolles Europa. Auch bei den rechtsextremen Parteien ist nicht ihre anti-Eu-Haltung das beunruhigendste Charakteristikum. Ihr fühlt euch vielleicht davon angegriffen, aber warum fühlt ihr euch nicht von ihrem Rassismus, Antifeminismus, Antisemitismus, ihrem Hass auf arme Leute genauso angegriffen? Warum werden die Parteien nicht in pro- und anti-Frontex eingeteilt? Ist das nicht entscheidender? Nein. Das sagt alles.

Über die lächerlichen Denunziationsversuche, indem bei SYRIZA in Klammern fein säuberlich „linksextrem“ dazugeschrieben wird, möchte ich noch ein paar Worte verlieren. Es zeigt, wie peinlich der Extremismusbegriff ist. Nicht dass SYRIZA sich schämen müsste als radikale Linke bezeichnet zu werden, aber im deutschsprachigen Fernsehen wird das, aus der eigenen Logik heraus verständlich, abwertend gemeint. Bei AfD, NPD, FPÖ und Co steht kein entsprechender Verweis. Die Angst vor Linken ist größer als die vor Rechtsextremen. Das passiert alles in Europa im Jahr 2014. Diese Mischung aus Angst, Hoffnungslosigkeit, Desillusionierung, aber auch Wut und der Erkenntnis, sich nicht auf etablierte Institutionen verlassen zu können, wird eine treue Begleiterin werden in den nächsten Jahren. Das ist kein Spiel.

Diese Naziunterschichtsprolos und ihr starker Führer

Eine neue Studie besagt,  dass sich 29 Prozent der Österreicher_innen einen „starken“ Führer wünschen. (Auch die restlichen Ergebnisse sind ziemlich widerlich, so am Rande gesagt) Und der Interpretationsansatz ist schnell zur Hand: Die wirtschaftliche Lage verursacht Apathie und deswegen sehnen sich die Leute nach einem Führer. Das ist ein legitimer Interpretationsansatz. Leider wird nur immer verschwiegen, dass autoritäre Einstellungen und Klassenzugehörigkeit keineswegs korrespondieren.

Mit der alleinigen Darstellung dieses Ansatzes nimmt man sich eine ganze Ebene des Rechtsextremismus und projeziert ihn allein auf die Arbeiter_innenklasse. Das ist eine ziemlich erfolgreiche bürgerliche Taktik, mit der sich diese Klasse gleichzeitig reinwäscht und als normativ gut darstellt und die Arbeiter_innen stigmatisieren kann. Dabei ist es gerade ein bürgerlicher Rechtsextremismus, die Neue Rechte, der gerade Hochkojunktur hat. Von Thilo Sarrazin über Akif Pirinçci, von Eva Herrmann über Jürgen Elsässer bis zu Sezession und den Identitären – es sind die, die sich als (selbst ernannte) Elite verstehen, die sich eine Revoluzzergeste geben, aber nur nach unten treten. Und das ist nichts besonders Neues. Auch in der Weimarer Republik haben studierte Intellektuelle die Anleitung zum autoritären Staat verfasst, weit bevor der Nationalsozialismus zur Massenbewegung wurde.Diese „Konservative Revolution“ ist Vorbild für die Neue Rechte (zu denen eben auch die Identitären gehören) von heute. Die Oswald Spenglers und Carl Schmitts dieser Welt geistern noch immer herum und fabulieren vom Untergang durch diese nicht zu rettende dekadente, weiche Gesellschaft, die dringend mehr soldatische Logik braucht und der es wichtig ist, den Feind und das Fremde auszusortieren. Und diese sind wahrscheinlich mittel- und langfristig gefährlicher.

 

(Nicht nur) Deswegen: Rassistischen Aufmarsch der Identitären verhindern 17. Mai 11 Uhr Marcus Omofuma-Denkmal, Wien.

Pyros statt Presse

Michael Fleischhacker darf seine Ansichten auch in der flockignettenwellness-Beilage des Kuriers, der Freizeit, verbreiten. Die Freizeit, für alle, die sie nicht kennen, oszilliert in Farbe jeden Samstag zwischen schönen Urlaubszielen, schönen Kleidern (OMG was hatte JLaw da an?), schönem Essen und eben so lockeren Kolumnen übers Leben und das damit verbundene Chaos. Und dazwischen darf auch Michael Fleischhacker schreiben. Michael Fleischhacker ist der Typ, der Chefredakteur wurde, als sich alle dachten: „Puh, nach dem neurechten Unterberger kann’s nicht schlimmer werden“ – und es blieb zumindest gleich schlimm.

Nun gut. Zurück zur Kolumne. Sie ist so haarsträubend, dass sich die Verantwortlichen des Kuriers ernsthaft fragen müssen, warum sie so etwas abdrucken. Fleischhacker ist nämlich der Meinung, dass Homophobie nur in „primitiven Gesellschaften“ vorkommt und biologistisch begründet ist. Und überhaupt, warum reden wir überhaupt über schwule Fußballer und das Interview, das Thomas Hitzlsperger gegeben hat. Denn Homosexualität ist weitgehend akzeptiert und gar kein großes Thema mehr, außer eben bei diesen grauslichen Fußballfans. Tom Schaffer hat eingehend erläutert, warum das sehr wohl ein Thema und sehr mutig von Thomas Hitzlsperger ist. Die klassistische Annahme, dass Homophobie nur beim Pöbel vorkommt und nicht bei den guten kultivierten Leuten, wie Fleischhacker wohl glaubt, einer zu sein, ist das wirkliche Brechmittel dieser Kolumne. Noch dazu, wenn sie mit rassistischen und kolonialistischen Begriffen wie „primitiv“ unterfüttert werden.

Hier ist sie im Wortlaut:

KurierFleischhacker

Es ist ein beliebtes Medienspiel, organisierte Fußballfans als „Pöbel“ abzustempeln. Als dauerbetrunkenes, arbeitsloses Pack, das nur Randale und Gewalt im Sinn hat. Ohne sie wäre alles viel schöner, da könnte Fußball einfach in Redbull-Manier konsumiert werden. Und die bösen Ultrahooligansprolos würden nicht dazwischenfunken. In dieser Debatte wird munter Rassismus verharmlost, indem er laufend mit Pyrotechnik gleichgesetzt wird. Ob Pyros gezündet werden, oder sich auf der eigenen Fantribüne organisierte Neonazis tummeln – in dieser Debatte ist das alles das Selbe. Nur das gegen Ersteres viel mehr getan wird, als gegen Letzteres. Dieser Diskurs gegen Fußballfans ist vor allem ein klassistischer. Arbeitslosigkeit wird als charakterlicher Mangel vorgeführt, der einer ganzen großen Gruppe „vorgeworfen“ wird. Sie werden als tiergleiches Pack dargestellt, das keinerlei Rechte hat und schon gar keine Forderungen stellen darf. (Etwa nach leistbaren Tickets, nach Mitsprache usw.) Und wenn die Polizei richtig drauf geht, dann reiben sich jene, die diesen klassistischen Diskurs betreiben, so richtig die Hände. Immer fest drauf. Mit armen Menschen und Arbeitslosen kann man es ja machen.

Dazu kommt die völlig abstruse Annahme, dass es Homophobie in der Gesellschaft nicht gibt, sondern nur noch bei diesen „primitiven“ (armen, arbeitslosen…) Fans im Stadion. Schon gar nicht bei den reichen und damit charakterlich Einwandfreien dieser Gesellschaft. Diese Leistungsträger_innen, deren Scheiße wohl nach Rosen duftet und überall wo sie hinkommen, erklingen die Posaunen der Glückseligkeit. Denn sonst wären sie nicht reich. In Fleischhacker’scher Logik ist monetärer Reichtum eine charakterliche Tugend. Daraus folgt die einfache, wie faschistische Logik: Reiche Menschen = gut, wir unterwerfen uns ihnen und arme Menschen = schlecht, sie müssen bekämpft werden.

Blöd nur, dass Fußballfans sicher 1 Trilliarde Dinge mehr gemacht haben, um Homophobie zu bekämpfen. Von Fanclubarbeit und Sozialarbeit über Öffentlichkeitsarbeit, bei Choreos, im Entstehen von LGBTQ-Fanclubs, auf Blogs und in Zeitschriften – es tut sich richtig viel. Fußball ist eine Arena, in der gesellschaftliche Konflikte ausgetragen werden und emanzipatorische, tolle Menschen buttern da viel Kraft und Anstrengung rein, vor allem von Seiten der organisierten Fans. Heißt das, dass es keine Homophobie im Fußball gibt? Nein, natürlich nicht. Wenn wir uns an dieses peinliche WM-Qualifikationsspiel Deutschland – Österreich und die „schwuler, schwuler DFB“-Sprechchöre erinnern, dann sehen wir, wie weit weg wir davon sind. Dass der ÖFB hier nicht reagiert hat, sagt aber viel über ihn aus. Wie gesagt – Fußball ist ein Teil dieser Welt und gesellschaftliche Prozesse und backlashes spiegeln sich gerade dort wider.

Die Frage ist viel mehr, warum Fleischhacker alles Schlechte dieser Welt allein auf Fußballfans projiziert und Homophobie in der restlichen Gesellschaft verschweigt. Kommen und kamen in der Presse keine verrückten Katholobans zu Wort? Ist die ÖVP plötzlich zur Avantgarde für Regenbogenfamilien geworden? Ist „schwul“ als Schimpfwort in Schulen für immer ausgerottet? Gibt es keinen österreichischen Ski-Präsidenten, der Russland zu seinen diskriminierenden Gesetzen gratuliert? Sitzen in Österreich nicht zu einem Viertel rechtsextreme Parteien im Parlament? Hat nicht Fleischhacker selbst katholische Theologie studiert und begeisterte Bücher über Johannes Paul II geschrieben? Hat nicht Fleischhacker darüber hinaus Bücher zur Verteidigung der schwarz-blauen Regierung geschrieben?

Ist es nicht viel mehr so, dass die sogenannte und rein selbst betitele „Mitte“ der Gesellschaft, all die tollen Leistungsträger_innen, nicht selbst die grauslichsten und grindigsten Positionen vertreten, die vorstellbar sind? Die in guter österreichischer Kleinbürger_innenmanier nach unten treten und nach oben buckeln. Die arme Menschen so sehr hassen, dass der Geifer in jeder Zeile lesbar ist. Die sich noch keinen Tag für irgendetwas Sinnvolles engagiert haben und sich dann, wenn es gerade chic ist, mit den Lorbeeren anderer schmücken. Es sind diese gutbürgerlichen Katholobans, die zeigen, dass es allemal sinnvoller ist, auf den Fußballplatz zu gehen als die Presse zu lesen.