Weder Fisch noch Fleisch

Die selbst ernannte „Meinungsplattform“ Fisch und Fleisch erlaubt vielen Menschen etwas ins Internet zu stellen. Es gibt keinerlei Vorgaben. In den nettesten Momente sind das Reiseberichte und Lieblingsrezepte, in den nicht so netten Momenten ist es eine Plattform für diffuse rechte Beiträge. Dazu gehören abstruse „Impfgegner“ oder auch Leute, die die Identitären verteidigen und Antifaschist_innen diskreditieren . Soweit, so obskur.

Die Chefredakteurin selbst stellte vor einigen Tagen nun einen eigenen Artikel online, den sie inzwischen wieder gelöscht hat. Hier ein Screenshot, der freundlicherweise von der Vice-Redakteurin Hanna Herbst (@hhumorlos) angefertigt und zur Verfügung gestellt wurde.

Screenshot von @HHumorlos

Screenshot von @HHumorlos

Danach entwickelte sich eine viel-strängige Diskussion, die ich nicht wiedergeben werde. Viele wichtige Menschen haben sich zu Wort gemeldet. Ich möchte die Gelgenheit nutzen, um über ein paar grundlegende Dinge aufzuklären.

1. Kritik ist keine Zensur
Wer eine „Meinungsplattform“ betreibt, der_die muss mit Kritik rechnen. Wer einen schlechten Artikel ins Internet stellt, der_die muss mit Kritik rechnen. Wer einen rassistischen Artikel ins Internet stellt, der_die muss mit Kritik rechnen. Niemand zensiert euch. Es ist eure Plattform, ihr habt die Ressourcen. Wir kritisieren das, was ihr hochdotiert macht. Hier den Kritiker_innen Zensur zu unterstellen, ist an Absurdität gar nicht zu überbieten. Selbst wenn jemand wollte, wie könnte er_sie denn? Es ist die Plattform von Fisch und Fleisch, also könnt ihr auch selbst entscheiden, welche Artikel oben bleiben und welche nicht.

2. Kritik ist keine Hetzjagd
Kritik an einem Artikel ist keine Hetzjagd und kein Shitstorm. Niemand wurde persönlich angegangen, niemand wurde bedroht, niemand wurde unsachlich oder persönlich. Es wurde darauf hingewiesen, dass der Artikel rassistisch ist. Punkt. Es geht nicht um die Chefredakteurin persönlich. Die ist sicher furchtbar freundlich und spendet zu Weihnachten für Nachbar in Not. Darum geht es nicht. Es geht um den Artikel. Und für einen Artikel muss man sich rechtfertigen, so wie für jede geäußerte „Meinung“. Aber die bloße Widerrede wird schon als Anschlag auf die so hochgehaltene Meinungsfreiheit gedeutet. In Wahrheit geht es nicht um Meinungsfreiheit, sondern darum, unwidersprochen rechten Müll absondern zu können. Darauf gibt es kein Recht. Es gibt kein Recht aufs nicht-kritisiert werden. Es gibt kein Recht auf widerspruchsloses Handeln.

3. Die Strategie hinter dem Artikel
Der Artikel liest sich wie ein x-beliebiges Pegida-Post. Die dahinter liegenden Logiken sind einfache und tief rechtsextreme:

DRINGLICHKEIT: Wer nur Großbuchstaben benutzt, signalisiert Dringlichkeit und Aufgeregtheit. Hier passiert gerade etwas Aufregendes.

Jemand hat gesagt, dass: „Eine Freundin meiner Oma deren Cousin hat gesagt, die Flüchtlinge wollen das Christkind entführen.“ Damit wird suggiert, über Geheimwissen (dazu gleich mehr) zu verfügen. Gleichzeitig bringt es einen in die komfortable Lage, weder recherchieren noch Quellen angeben zu müssen. Das ist wissenschaftlich, journalistisch und politisch unlauter. Es bringt einen selbst in eine erhöhte Position, in der man nur selbst Zugang zu dem Wissen hat. Es ist also eine antidemokratische und elitäre Art der Informationspolitik.

Es gibt eine strenggeheime Studie, pssst, geheim: Vorgetäuschtes Geheimwissen ist einfach Wichtigtuerei. Es macht einen selbst und den Artikel interessant. Clickbait, wie es so schön heißt. “OMG, du wirst nicht glauben, was uns das Verteidigungsministerium nicht über Flüchtlinge sagt, ich habe geweint, als ich es sah.” Vorgetäuschtes Geheimwissen ist die Basis jeder Verschwörungstheorie und des „Lügenpresse“-Kanons bei Pegida und Co. Hiermit ist explizit nicht Kritik an Medien und deren Bedingungen gemeint. Wir leben in einer Zeit, in der viele Leute nicht nur Vertrauen in politische Prozesse, sondern auch in mediale Berichterstattung verlieren. Das hat aber etwas mit gesellschaftlichen Verhältnissen und Bedingungen, unter denen Medien produziert werden und Politik stattfindet zu tun. Nichts ist ein monolithischer Block, überall finden politische und soziale Kämpfe statt.

Meinung als Information tarnen: Während die Autorin sich später damit rechtfertigte, bloß ihre Gefühle und ihre Meinung zu präsentieren, so sagt der Artikel etwas Anderes. Sie tarnt das Ganze als Information und tut damit so, als liefere sie objektive Tatsachen. Das tut sie nicht. Objektive Wahrheiten gibt es bei gesellschaftlichen Prozessen auch nicht, auch wenn Rechte gerne so tun als ob.

Opferrolle mit heroischer Pose: Es ist erstaunlich, wie sehr es in der rechtsextremen Logik verankert ist, gleichzeitig Opfer und heroische_r Aufbegehrer_in zu sein. Die bösen Linken kontrollieren alles, aber padauz, jetzt sage ich denen mal was, was die noch nie gehört haben und was ur arg kontrovers ist. Und das quasi aus dem Nichts, mit letzter Tinte aus dem Untergrund. Die inszenierte Kontroverse, der lahme Tabubruch ergibt sich dann in einem rassistischen/sexistischen/homophoben/etc. Artikel. Für den wird man doch in der Szene recht abgefeiert. Weil historisch hat sich ja noch nie wer getraut, rassistisch/sexistisch/homophob/etc. zu sein. Wahnsinn.

Aufruf zur Tat: Es geht auch nie, anders als von der Autorin behauptet, nur um einen selbst. Nein, alle anderen müssen genauso agitiert und EMOTIONALISIERT sein, wie man selbst. Wacht auf, ich habe die Wahrheit erkannt, wacht auch alle mit mir auf. Was ist das Ziel? Alle sollen nun gegen Flüchtlinge sein, wie die Autorin selbst? Sollen wir alle nun vor Flüchtlingsunterkünften protestieren? Sollen wir diesen männlichen Flüchtlingen endlich mal klar machen, dass wir gegen sie sind? Was genau wir machen sollen, wenn wir aufgewacht sind, diese Antwort bleibt die Autorin, bewusst oder unbewusst, schuldig. Rechtsextreme Organisationen nutzen diese Auslassungen sehr gezielt. Sie machen Stimmung z.B. gegen eine Flüchtlingsunterkunft, dann posten sie nur die Adresse, ohne konkrete Ansage warum eigentlich. Brauchen sie auch nicht mehr.

4. Die inhaltliche Komponente
Entgegen des Zensurvorwurfs wurde nie in den Diskussionen inhaltlich auf den Artikel eingegangen. Einerseits weil es keine einzige nachvollziehbare Quelle für die Wulst an diffusen Behauptungen gibt. Andererseits weil es gefährlich ist, so etwas als legitime Diskussionsgrundlage zu sehen. Damit würde die Diskussion auf der Grundlage rechtsextremer Logiken geführt werden. Linke und Antirassist_innen müssten erst einmal die unbelegten Behauptungen widerlegen, egal wie absurd. Damit würde man sie aber schon legitimieren.

5. Aber, aber Demokratie…
Nein, als demokratisch gesinnter Mensch muss man nicht alles diskutieren. Die Demokratiefrage stellt sich nämlich schon beim Zugang zu öffentlich geäußerter Meinung. Nicht jede Person bekommt eine eigene „Meinungsplattform“ finanziert. Das bekommen nur Menschen, die über das nötige kulturelle, soziale, finanzielle und symbolische Kapital verfügen. Menschen wie die Chefredakteurin gehören also zu den ganz, ganz wenigen die über ein mächtiges und gut finanziertes Produktionsmittel in der Informationsgesellschaft verfügen. Andere versuchen es mit eigenen Blogs, die natürlich ungleich kleiner sind. Wieder andere betreiben hervorragende Blogplattformen, die unbequemer sind und sich nicht der Zuwendungen der etablierten Medien sicher sein können. (Lest Mosaik) Das Geschäft in der Informationsgesellschaft ist Aufmerksamkeit. Die ist extrem begrenzt und muss immer wieder neu gewonnen werden. Das ist mühsam. Mit inszenierten Kontroversen geht das schneller als mit diskutieren, Feedback, nachbessern, Recherche, Quellenangabe, über Kritik diskutieren usw. Das ist aber ein demokratischer Zugang.

6. Ich bin ja keine Rechte, aber…
Ganz einfach: Wer kein_e Rechte_r ist, der_die soll auch nicht anschlussfähig für sie sein. Wenn du nicht willst, dass die FPÖ deine Artikel teilt, dann schreib so, dass sie ihn nicht teilen. Nein, deine „Meinung“ wird nicht von der FPÖ „missbraucht“. Du hast einfach die selbe „Meinung“ wie die FPÖ. Zeit drüber nachzudenken. Das heißt nicht, nicht über die Themen der FPÖ zu diskutieren. Muss man sogar. Aber nicht in ihrer Logik. Wenn jemand schreibt „Diese hässlichen FPÖ-Wähler im 10. mit ihren Leggins und Glitzershirts. Widerlich.“ dann regt das die FPÖ auf, dann regt es mich aber auch auf. Aber anstatt auf den FPÖ-Spin von „Buhuuu, die Medien hassen uns, weil wir so unbequem und toll sind.“ einzugehen ist es wichtig, auf die Verachtung für arme Menschen und Arbeiter_innen in dem Artikel einzugehen und gleichzeitig aufzuzeigen, warum die größere Gefahr von den Rechtsextremen im Nadelstreifanzug ausgeht. Diese haben nämlich auch nur Verachtung für die „blöden Prolos“ über.

7. Steilvorlage für Rechte
Der Artikel wird von Strache, diversen FPÖ-Seiten und den Identitären weitergetragen. Sie ergießen sich in Solidarität mit der Autorin, die ja vom bösen linken Mob unterdrückt wird. Damit verhilft die Autorin dem Narrativ der armen unterdrückten Rechten, die ja nirgends ihre „Meinung“ äußern dürfen, zu weiteren Höhen. Sie darf sich in die Linie der Gabaliers (Millionär), Sarrazins (Millionär), Pirinçcis (Bestsellerautor) und co einfügen, die ja alle quasi nichts haben und nirgends gehört werden.

8. Aber: alle können schreiben
Nein, können sie nicht. Das Zugangsproblem habe ich schon angesprochen. Andererseits: Wer will schon auf der selben Seite publiziert werden, wie Impfgegner_innen und Rassist_innen? Niemand, denn damit legitimiert man diese Artikel. Man gibt seinen Namen her für diese Seite und wird mit ihr in Verbindungen gebracht. Bekannte Journalist_innen lassen die Seite seriös erscheinen, gleichzeitig werden damit rechtsextreme Gedanken seriös gemacht. Die intellektuelle Rechte nutzt das strategisch. Eine Blattlinie ist keine Einschränkung, sondern ermöglicht Leuten überhaupt erst das Schreiben. Der Gang zum Anwalt ersetzt schon gar nicht die politische Haltung. Rechtsextremismus ist nicht per se verboten.

9. Nichts gelernt
Am Abend erschien noch dieser Artikel, in dem die Kritiker_innen wörtlich als „Kreaturen“ und „Arschlöcher“ bezeichnet. Was ist das Selbstverständnis einer Plattform, die solche Artikel online stellt?

Screenshot

Screenshot

Screenshot

Abschließend: Artikel wie diese dienen der Verächtlichmachung von als natürlich konstruierten Gruppen und sieht ihr Verhalten als natürlich determiniert an. Syrer könnten gar nicht anders als Frauen zu hassen. Flüchtlinge sind nun mal gewalttätig. „Der Islam“ ™ will „uns“ nun mal überrennen. Gleichzeitig werden all diese Attribute von der „eigenen“ Gruppe abgewendet. „Die Europäer“ sind demnach nicht frauenfeindlich, gewalttätig und nie ging Imperialismus von den achso hochzivilisierten Ländern aus. Die „eigene“ Gruppe ist geschlossen gut und wunderbar, während „die Anderen“ schlecht und schändlich sind.

Volker Weiß hat alles dazu gesagt, was es zu sagen gibt:

Seine Figur [die des Gutmenschen Anmk.] ist komplementär zum Vorwurf der Zensur konzipiert, als populäre Phantasmagorie ist der ‘Gutmensch’ der Akteur gefühlter Repression. Aufgrund seiner nie spezifizierten Macht kann der Rassist nicht mehr ungestört sagen, ‘Neger’ seien alle faul, der Antisemit fürchtet einen Ordnungsruf für seine Ansicht, dass Juden ‘schachern’ und selbst die Bemerkung, Homosexualität sei ‘widernatürlich’, kann wegen der Gutmenschen nur im Untergrund kursieren. Zur Unterdrückung des allgemeinen Menschenrechts auf diskriminierende Sprache setzt der Gutmensch seine schwerste Waffe ein: die Kritik. Daher wird sein Wirken gerne mit dem Dritten Reich oder der DDR gleichgesetzt, die demzufolge äußerst kritikfreudig gewesen sein müssen.
(Volker Weiß in „Deutschlands Neue Rechte“ über den Begriff des „Gutmenschen“)

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Sprache entmenschlicht

Sprache ist entlarvend. Sprache setzt Bilder in den Köpfen von uns alles fest. Sprache trägt zur Diskursverschiebung nach rechts bei. Jede rechtsextreme Logik, die von vielen Leuten weiter getragen wird, ist ein Erfolg für Rechtsextreme.

Beispiel Flüchtlinge. Flüchtlinge sind eine “Flut” oder ein “Strom”. Diese Wasser- und Naturkatastrophensynonyme entindividualisieren die Menschen und ihre Geschichten. Sie ist ein großes, homogenes Ganzes, das gefährlich und unkontrolliert ist. Es sind keine Menschen mit individuellen Bedürfnissen, Gefühlen und Entscheidungen, sondern ein kollektives, schicksalhaftes Ereignis. Viel mehr noch: Sie sind eine Gefahr. Eine “Flut” oder ein “Strom” räumt unerbittlich alles weg, was ihn im Weg steht. Man muss sich also davor schützen. Wie schützt man sich gegen solche wilden Wassermassen? Man baut Dämme oder reguliert das jeweilige Gebiet, in dem sich dieses Wasser abspielt. In diesen Worten ist kein Raum mehr für die Betrachtung der Menschen dahinter und was diese zu erleiden hatten oder was sie überhaupt geschafft haben, um am Leben zu bleiben. Der Fokus gilt den alleinigen Betroffenen der „Naturkatastrophe“ – denen, denen vermeintlich Hab und Gut, wenn nicht gar das Leben weggerissen wird. Damit ist entweder die lokale Wohnbevölkerung, wenn nicht gar die völkische Nation gemeint. Diese muss beschützt werden und/oder sich selbst wehren. Es ist kein Kampf gegen andere Menschen, sondern gegen die Elemente der Natur mit biblischem Ausmaß. Es kann kein Miteinander geben, da eine „Flut“ nicht mit sich reden lässt, es wird eine Dichotomie: wir oder sie aufgemacht. Das steht im diametralen Gegensatz zu der unermüdlichen Hilfsbereitschaft und Solidarität vieler tausender Menschen in ganz Europa. Das wird unsichtbar gemacht, während die, die „Dämme“ bauen wollen zu den alleinigen (richtig) Handelnden erhoben werden. Angst und Unsicherheit ist nicht Auseinandersetzung und Hilfsbereitschaft beizukommen, sondern mit beinhartem Kampf. Dieser ist legitim, weil es sich bei dem zu Bekämpfenden nicht um gebeutelte Menschen, sondern um eine Naturgewalt handelt. Die Wasser-Metapher verstellt aber auch den Blick auf die Ursachen von Flucht. Es ist keine göttliche Fügung oder eine schicksalshafte Naturkatastrophe, dass die Lage so ist wie sie ist. Menschen fliehen aufgrund zahlreicher Ursachen: Krieg, Terror, Vertreibung, dem Entzug der Lebensgrundlage, Verfolgung, Unterdrückung, Vergewaltigungen, Ausgrenzung und und und. Zuletzt wird mit den Bezeichnungen „Flut“ und „Strom“ suggeriert, dass „die“ „uns“ was Böses wollen. Wenn „sie“ erst einmal „hier“ sind, dann bleibt „hier“ kein Stein auf dem Anderen. Dann droht hier „Verwüstung“. Entweder „wir“ oder „sie“. Es trägt also auch zu einem Zusammenrücken der Nation bei. In Zeiten so einer Katastrophe ist kein Platz für das Hinterfragen oder Aufzeigen „innerer“ Konfliktlinien, etwa dem Widerspruch zwischen Obdachlosen und anderen Hilfsbedürftigen und jenen, die sie jetzt instrumentalisieren, aber sie an allen anderen Tagen des Jahren drangsalieren und gegen sie hetzen.

Entmenschlichung mit Worten ist eine beliebte rhetorische Strategie im Rechtsextremismus. Unliebsame Menschen(gruppen) werden mit Tiermetaphern besetzt, wie etwa in den Comics der FPÖ. Grüne und SPÖ werden zu Ratten und Ungeziefer. Der Ring Freiheitlicher Studenten (sic) machte aus den anderen Fraktionen bei ÖH-Wahlen gerne Schweine oder Halbwesen zwischen Mensch und Schwein dargestellt. Nicolas Sarkozy hat Flüchtlinge letztens mit Abwasser verglichen, das auch über das ganze Haus verteilt werden darf. Dankbar wurde das auch in Österreich von FPÖ und Identitären aufgenommen, das Sujet verbreitet sich gut. Die „Flut“- und „Strom“bezeichnung findet sich schon lange bei rechtsextremen Magazinen und Blogs, von ZurZeit über Compact bis zur Sezession wird sie mit einer Penetranz und in vielen Abwandlungen verbreitet. Die Mainstreammedien haben das nun im großen Stil übernommen.
Die Konsequenz ist immer dieselbe: Das muss weg. Egal, ob Flut, Ungeziefer oder Abwasser – gut ist es nur, wenn es nicht da ist. Es muss weg, notfalls mit einer Kraftanstrengung. Jedes Mittel ist legitim.

Die Identitären nehmen bei Sarkozy anleihen. (Screenshot facebook)

Die Identitären nehmen bei Sarkozy anleihen. (Screenshot facebook)

Achtet auf eure Sprache um diese rechtsextreme Logik, die die Entmenschlichung und alle damit verbunden Konsequenzen in sich trägt, nicht weiter zu propagieren.

Wiener Zeitung rezensiert rechtsextremes Buch positiv

Die Wiener Zeitung, in Form von Gerhard Lechner, hat am 7. September die Rezension eines Buches online gestellt.

Soweit, so uninteressant. Das Problem: Es handelt sich dabei um das Buch eines der führenden Köpfe der Neuen Rechten, Martin Semlitsch, der sich Martin Lichtmesz nennt. Semlitsch gibt sich gerne unangepasst und verschwurbelt, was bei seinen rechtsextremen Fanboys und -girls gut ankommt. Eine Kostrpobe seines Stils (der sich durch Pathos und viele Worte für wenig Inhalt auszeichnet) bekommt man regelmäßig im Zentralorgan der deutschsprachigen Neuen Rechten, der Sezession. Herausgeber und enger Vertrauter von Semlitsch ist Götz Kubitschek, der bei Pegida (und Legida) eine wichtige Rolle einnimmt. Die Zeitschrift ist eine Drehscheibe für alles was sich in der Szene so tut. Die Szene – das ist die Neue Rechte. Die Neue Rechte stellt sich seit zehn Jahren neu auf, die Ziele sind gleich geblieben: Diskursverschiebung nach rechts. Statt schnöder Parteipolitik sind die Aktivist_innen vor allem online und publizistisch aktiv und liefern das Unterfutter für die gesamte rechtsextreme Szene. Die Identitären sind hier eine der jüngsten Entwicklungen, sie haben auch konsequent den Schritt auf die Straße gewagt und fallen durch Spontanaktionen auf, wie etwa die sehr kurze Blockade des Hilfskonvois für Flüchtlinge von Wien nach Ungarn. Medial hat das oft nicht wirklich Widerhall. Auf facebook wurde die Aktion jedoch innerhalb kürzester Zeit 700 Mal geteilt.

Zurück zu Semlitsch: Nach einem Aufenthalt in Berlin wohnt er seit einigen Jahren wieder in Wien. Er ist hier eng mit den Identitären verknüpft, kommt auf ihre Vortragsabende und schreibt über ihre Aktionen. Daneben ist seine publizistische Haupttätigkeit bei der Zeitschrift Sezession mit Abstechern zu anderen genauso rechtsextremen Portalen wie etwa eigentümlich.frei, dem sympathischen Gemisch von hardcore neoliberalen und rechtsextremen Inhalten, wie etwa im Interview mit dem NPD-Vorsitzenden und mittlerweile EU-Abgeordneten Udo Voigt.

Screenshot - Phalanx Europa (identitärer Merchandise Shop)

Screenshot – Phalanx Europa (identitärer Merchandise Shop)

Der Grundtenor von Semlitschs Schaffen ist also nicht wahnsinnig schwer herauszufinden, googeln, zum Beispiel, hilft. Die Wiener Zeitung scheint sich dessen aber durchaus bewusst zu sein, schließlich beginnt die Rezension mit der (für den Autor ironischen) Erkenntnis, dass es sich bei Semlitsch um einen „bösen Rechten“ handle. Sogar Zeitschrift und Verlag werden genannt. Das Featuren des Buches und des Autor passiert also augenscheinlich in vollem Bewusstsein über seine politische Verortung. Bleibt die Frage: Warum eigentlich, liebe Wiener Zeitung? Jetzt ernsthaft: Warum? Sind rechtsextreme „Meinungen“ plötzlich zulässig? Wir können uns ja anschauen, was Herr Semlitsch fast zeitgleich mit der Rezension in einem Artikel für die Sezession über Flüchtlinge schreibt. (Link geht auf rechtsextreme Seite, ich mach das nicht oft und nicht gern, es dient der Illustration) In einem sehr nervigen vier-Seiten-Geschwurbel hält er sich so gar nicht mehr zurück, sondern bezeichnet Empathie als „Krankheit“, Flüchtlinge als „Untermenschen“ (die Gutmenschen so gerne lieben würden), Antirassismus als „Zermürbungsstrategie“, Frauen mit Refugees welcome-Banner attestiert er, dass sie auch gute „BDM-Mädchen abgegeben hätten“ und suggeriert, dass Flüchtlinge westliche Frauen vergewaltigen wollen.

Die Wiener Zeitung findet trotzdem warme Worte für ihn. Schließlich sei er ein „Lesevergnügen“, Semlitsch durchwandere die „europäische Geistesgeschichte“ und „beklage die Entzauberung der Welt“. „Leichtfüßig“ gehört die „Zuneigung dem einsamen Helden“. Unkritisch ist für solche Worte nur ein müder Behelfsausdruck. „Kindlich anhimmelnd“ trifft es schon eher, was hier passiert. Semlitsch wird auf ein Podest gehoben. Der Rezensent hat sich weder die Mühe der Recherche, noch des kritischen Lesens gemacht. Die verhandelten Topoi sind nämlich weder neu, sondern sehr unklar konnotiert. Der einsame Held der auf verlorenem Posten ausharrt ist ein Bild, das von Ernst Jünger geprägt wurde und für die rechtsextreme Szene von zentraler Bedeutung ist. Es diente nach dem Ersten Weltkrieg der Sinngebung eines verlorenen Krieges und heute der Selbstheroisierung in einem „dunklen Zeitalter“, einem Interregnum, einem Kali Yuga (hier kommt auch die rechtsextreme Esoterik mit Vorbild Julius Evola ins Spiel). Auch das dürfen ach-so intellektuelle Rezensenten der Wiener Zeitung erkennen und benennen. Herausgekommen ist ein peinlicher PR-Artikel für einen Rechtsextremen. Ist das von der Wiener Zeitung tatsächlich gewünscht?