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Antirassismus der Reichen

In den letzten Wochen ist sehr viel Tolles und sehr viel Schlimmes passiert. Während die Innenministerin es nicht schafft traumatisierten Menschen ein Dach über dem Kopf zu garantieren, zeigen viele private und politische Initiativen Solidarität und helfen Flüchtlingen wo und wie es nur geht. Schön. Es scheint auch eine neue Sensibilisierung und Politisierung für Rassismus zu geben. Hetzerische Posts oder „Meinungen“ werden nicht toleriert, Leute werden zu Rede gestellt und viele sagen ganz offen, dass das so nicht akzeptabel ist. Doppelt- und dreifachfein.

Jetzt das große Aber. Gleichzeitig wird ein neues-altes Feindbild konstruiert: der dumme, rassistische Prolo. Denn Rassismus, das ist das, was diese Unterschicht macht. Das zeigen die Reaktionen auf das menschenverachtende Flammenwerfer-Posting eines Lehrlings und die Kündigung einer Supermarkt-Angestellten nach einem nicht minder grauslichen Post. Als erste Reaktion ist es natürlich verständlich, hier anerkennend zu klatschen. Schließlich wird hier plumper, widerlicher Rassismus verbreitet, ja sogar der Wunsch ein kleines Mädchen zu töten. Fein, wenn die TäterInnen irgendeine Sanktion für ihren Hass erfahren. Aber da kommen wir schon zu dem Problem. Denn die Sanktion ist der Verlust des Arbeitsplatzes und die Gefährdung der eigenen Existenz. Geschieht ihm recht, denkt man sich. Wünscht man Rassist_innen irgendwas Gutes? Nein. Doch die Sanktionierung mit der Bedrohung der eigenen Existenz geht nur gegen die, die eh nichts haben. Denn reiche Rassist_innen müssen nicht um ihren Arbeitsplatz fürchten, sie sind in ihren Jobs gefestigter und unaustauschbarer und ein Jobverlust bedeutet nicht den kompletten Ruin. Die Sanktionierung mit Jobverlust ist also ein Mittel, welches Arme ungleich höher trifft und damit exklusiv gegen sie angewandt werden kann. Zum Vergleich: Es gibt grindige, rechte Frauen. Ihnen mit Sexismus zu begegnen ist trotzdem falsch, da das gegen das Dasein als Frau an sich geht und nicht gegen ihre Ideologie. Genauso ist es bei Menschen, die zum nichtvermögenden Teil der Gesellschaft gehören. Eine Sanktionierung exklusiv gegen sie schadet mehr als dass sie nutzt. Denn es geht nicht wirklich um Rassismus, sondern um den Schutz einer Marke und öffentlichen Meinung. Mit genau den selben Überlegungen werden Leute gekündigt, die Betriebsräte gründen, Leute nicht angestellt, die sich antifaschistisch betätigen oder Leute nicht verlängert, wenn sie vielleicht mal in Großaufnahme mit Pyros im Ultras Block beim Fußball zu sehen sind. Dann werden nämlich auch alle johlen, weil man es ja verdient hat und selbst Schuld ist. Im Gegenzug haben bekannte Alpha-Twitteranten nichts zu fürchten, wenn sie öffentlich Vergewaltigungswitze machen. Niemand fordert den Verlust des Arbeitsplatzes und den finanziellen Ruin. Im Gegenteil – da wird sich im Pseudorebellenstatus gesonnt. Hier geht es um Kapital (in all seinen Formen, ökonomisch, kulturell, symbolisch und sozial) vs. Nicht-Kapital und nicht um Antirassismus vs. Rassismus. Denn es wird nur der Rassismus von bestimmten Leuten geächtet und dann auf einer Art und Weise, die nur gegen diese Leute mit wenig Vermögen geht. Gleichzeitig entlastet diese Vorgehensweise alle, die nicht so „prollig“ sind wie der Lehrling. Alle können sich auf die Schulter klopfen, denn sie sind ja die Richtigen. Helfen tut das nichts. Aber es ist auch niemand da, der_die die Drecksarbeit macht bzw. diese fördert. „Drecksarbeit“, das bedeutet Aussteigerprogramme, für die kein Geld da ist und die politisch nicht gewollt sind.

Elitärer Antirassismus von oben zeigt sich auch im Lustig machen über die Intelligenz und Rechtschreibschwäche von „dummen“ Rechtsextremen. Weil uns hochwohlgeborenen Schottengymnasiumsabsolvent_innen könnte es nie passieren, dass man ein Wort falsch schreibt. Aber den dummen Rechten passiert das die ganze Zeit. Ein Brüller. Hier wird die Tatsache verdeckt, dass rechtsextreme Einstellungen, Narrative und Ideologien in der sogenannten „Mitte“ stattfinden und nicht an irgendeinem „extremen“ Rand. Es sind die Medienmacher_innen, die Hochschullehrer_innen, die Anwält_innen und andere gesellschaftliche Multiplikator_innen, die Rechtsextremismus so gefährlich machen. Weil sie die Akzeptanz von menschenverachtenden Einstellungen befördern und Diskurse prägen, deren Logik breiter und breiter wirkt. Thilo Sarrazin ist ein größeres Problem, als es ein kleiner Lehrling auf facebook je sein könnte. Trotzdem wird erster zu Alpbach eingeladen und letzterer entlassen. Nicht “die neuen Asozialen”, die “nichts leisten” sind das Problem, sondern die alten, selbstgefälligen Eliten, die nach unten treten und nach oben buckeln.

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