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Weder frei noch wild – zum Umgang der österreichischen Medien mit Rechtsrock

Seine Figur ist komplementär zum Vorwurf der Zensur konzipiert, als populäre Phantasmagorie ist der ‘Gutmensch’ der Akteur gefühlter Repression. Aufgrund seiner nie spezifizierten Macht kann der Rassist nicht mehr ungestört sagen, ‘Neger’ seien alle faul, der Antisemit fürchtet einen Ordnungsruf für seine Ansicht, dass Juden ‘schachern’ und selbst die Bemerkung, Homosexualität sei ‘widernatürlich’, kann wegen der Gutmenschen nur im Untergrund kursieren. Zur Unterdrückung des allgemeinen Menschenrechts auf diskriminierende Sprache setzt der Gutmensch seine schwerste Waffe ein: die Kritik. Daher wird sein Wirken gerne mit dem Dritten Reich oder der DDR gleichgesetzt, die demzufolge äußerst kritikfreudig gewesen sein müssen.
(Volker Weiß in „Deutschlands Neue Rechte“ über den Begriff des „Gutmenschen“)

Mit ein paar Monaten Verspätung hat die Rechtsrock-Debatte nun Österreich erreicht. Während Frei.Wild (gerade) am 9. November noch unbehelligt im Wiener Gasometer spielen durften, wurde nun ein geplantes Konzert in Wels abgesagt. In Graz wird immerhin darüber diskutiert. Als kleinen Verweis zu Wien im November sei gesagt, dass es linken Gruppen damals wichtiger erschien, sehr zweifelhaft gegen ein Neofolk-Konzert (mit 40 Besucher_innen) vorzugehen und dem einzigen Metalladen der Stadt das Leben schwer zu machen, als sich um Frei.Wild zu kümmern, die vor einem ausverkauften Gasometer gespielt haben. Nun gut, das soll nicht das Thema sein. Am 17.04. erschien im Falter ein Artikel mit der schönen Überschrift „Jede Frau ist eine Hure“. Ich schreibe den Namen aus, obwohl der Falter im Heft das letzte Wort sehr hellschwarz geschwärzt hat. Wohl um zu verdeutlichen, dass man wegen der bösen Political Correctness-Diktatur dieses Wort nicht mehr sagen darf. Das Überthema des Heftes ist Zensur. Oder Political Correctness. Da ist sich der Falter nicht so sicher. Es besteht auch die Möglichkeit, dass die Redakteure darin Synonyme sehen. Am selben Tag erschien im Online-Standard ein Artikel von Christian Schachinger, dem Musikredakteur, ebenfalls zu Frei.Wild. Beide schlagen in eine ähnliche Kerbe: Niemand darf etwas gegen diese Band sagen und Nazis seien sie übrigens auch nicht. Überhaupt muss Musik rebellisch und rotzig sein und Frei.Wild sind dafür glorreiche Beispiele. Mit diesem Eintrag möchte ich ein paar Missverständnisse aufräumen und es fällt mir schwer zu entscheiden, wo ich anfangen soll.

Wahre Werte – Textbeispiele

Fangen wir mit einem kurzen Abriss über Frei.Wild an. Die Eckdaten sind bekannt: Sie kommen aus Südtirol, sie singen auf deutsch und sie singen auf deutsch über Südtirol. Bei jeder weiteren Analyse scheint es Uneinigkeit in den österreichischen Medien zu geben.

Wo soll das hinführen, wie weit mit uns gehen
Selbst ein Baum ohne Wurzeln kann nicht bestehen
Wann hört ihr auf, eure Heimat zu hassen
Wenn ihr euch Ihrer schämt, dann könnt ihr sie doch verlassen
Du kannst dich nicht drücken, auf dein Land zu schauen
Denn deine Kinder werden später darauf bauen
Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat
Ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk
(Aus „Wahre Werte“)

Südtirol, wir tragen deine Fahne,
Denn du bist das schönste Land der Welt,
Südtirol, sind stolze Söhne von dir,
Unser Heimatland, wir geben dich niemals her.
Südtirol, deinen Brüdern entrissen,
Schreit es hinaus, daß es alle wissen,
Südtirol, du bist noch nicht verlorn,
In der Hölle sollen deine Feinde schmorn
(Aus „Südtirol“)

Ich scheiß auf Gutmenschen, Moralapostel
Selbsternannt, political correct
Der die Schwachen in die Ecke stellt
Und dem Rest die Ärsche leckt
Ich scheiße auf Gutmenschen, Moralapostel
Selbsternannt, sie haben immer Recht
Die Übermenschen des Jahrtausends
Ich hasse euch wie die Pest
Ich, du, wir, die ganze Welt, sie hasst euch wie die Pest
(Aus „Gutmenschen und Moralapostel“)

Nichts als Richter
nichts als Henker
Keine Gnade und im Zweifel nicht für dich
Heut’ gibt es den Stempel, keinen Stern mehr
(…)

So, so, so
So fing alles an
Und wir reiten wieder
In den Untergang
So, so, so
So fing alles an
Weil wir es nicht verstehen
Werden wir die Welt
In Tränen sehen

(…)
Was hat der
überhaupt verbrochen
Wenn die Masse das so meint
Dann sind wir alle
Schnell dabei
Dann ist das Frei.Wild, und
Von vorne herein
Immer vogelfrei
(Aus „Wir reiten in den Untergang“)

Die vier Songtexte sind von vier verschiedenen Liedern aus drei verschiedenen Alben der Band. Es findet sich noch einiges mehr, aber das Muster ist leicht erkennbar. Einerseits zeigen sie ein recht biederes Beschwören der landschaftlichen Schönheit der Heimat. Andererseits auch immer mit dem expliziten Verweis, dass sie dieser Landschaft direkt in einer Art metaphysischem Band verbunden sie, wie alle Menschen Südtirols. Es gibt also quasi eine direkte Verbindungen der Menschen (Blut) zur Landschaft (Boden). Nicht anders definiert sich der völkische Nationalismus. Niemand wird diskutieren wollen, dass das klar dem rechtsextremen Spektrum zuzuordnen ist. Zweiter wichtiger Punkt im Leben der Band ist der Kampf gegen Unterdrückung und Zensur. Natürlich nur, wenn sie meinen, dass es sie betrifft. Sie sind die Verfolgten. Sie sind die, die mundtot gemacht wurden. Sie, sie sind die, anhand denen ein neues Zeitalter von Unterdrückung, Intoleranz und Krieg eingeläutet wird. Sie sind die neuen Juden. Nichts anderes vermittelt die Band. Was ich über Straches „Neuen Juden“-Sager geschrieben habe, gilt auch für Frei.Wild und ist hier nachzulesen.
Das sind eindeutig und ohne Zweifel rechtsextreme Narrative und frames, die hier bedient werden. Wenn nur die Texte angeschaut werden, kann es also keine Verwirrung geben. Woher kommt dann die verteidigende Berichterstattung von Falter und Standard?

Gegen jeden Extremismus

Ein Punkt, der zu großer Verwirrung bei Journalist_innen führt, die sich noch nie mit Rechtsetxremismus auseinandergesetzt haben, ist das Bekenntnis der Band „gegen jede Form von Extremismus zu sein“. Bekräftigend fügen sie noch an, wie sehr sie „Faschisten und Nationalsozialisten“ hassen. Das rufen sie auch bei ihren Konzerten. Dies ist eine beliebte Strategie, die mit der Neuen Rechten aufgekommen ist. Die Neue Rechte versucht sich von einer alten, offen nationalsozialistischen Rechten abzugrenzen, indem sie sich einerseits auf die sogenannte Konservative Revolution beruft. Andererseits sehen sich die Protagonist_innen wahlweise als unpolitisch oder als „Mitte“ der Gesellschaft. Diesem Denken liegt die Totalitarismustheorie zu Grunde, die den historischen Nationalsozialismus und Realsozialismus gleichsetzt. In weiterer Folgen wurden „linksextrem“ und „rechtsextrem“ gleichgesetzt, was in der Realität in der Extremismusklausel der deutschen Ministerin Schröder ihren Ausdruck fand, und antifaschistische Arbeit, dort wo sie dringend nötig ist, behindert statt sie zu unterstützen oder zumindest in Ruhe zu lassen. Abgesehen davon – wozu distanzieren sich Frei.Wild von Linksextremismus, ist das doch kein Vorwurf, der ernstlich im Raum steht. Da ist klar, dass sie sich nicht mit dem Vorwurf an sich auseinandergesetzt oder gar distanziert hätten. Es geht um die Selbstdarstellung als „Mitte“, als die sie sich wahrscheinlich wirklich sehen. Der Südtirolterrorismus wird nicht als rechtsextremer Terror sondern euphemistisch als „Freiheitskampf“ wahrgenommen. Dass dabei das who-is-who der österreichischen Neonaziszene tatkräftig beteiligt war, wird vergessen. Auch die Rolle der deutschnationalen Burschenschaften ist aus einem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Die Wiener Olypmia wurde 1961 sogar als terroristische Organisation aufgelöst. Das ist die unpolitische Mitte, die Frei.Wild meinen. Die Distanzierung von Faschismus und Nationalsozialismus ist ähnlich skurril. Niemand wirft ihnen vor, dem italienischen Faschismus nahe zu stehen, sie distanzieren sich trotzdem. Die Distanzierung vom historischen Nationalsozialismus ist aus Südtiroler Sicht gar nicht unplausibel. Sie hat nur keine ideologischen sondern reine Befindlichkeits-Gründe. Die Nazis haben wegen Südtirol keinen Streit mit Italien angefangen, was die großdeutschen Hoffnungen der Südtiroler_innen maßlos enttäuscht hat. Nun reagieren sie da enttäuscht und verwechseln das mit Antifaschismus. Verwunderlich ist, dass auch die genannten Journalisten das verwechseln. Rechtsextremismus beinhaltet mehr als den historischen Nationalsozialismus.

Rebel, Rebel

Sowohl im Falter als auch auf standard.at wird versucht, das Ganze in ein größeres Argument zu betten, nämlich jenes der Meinungsfreiheit und der Unangepasstheit von Musik. Wie wir an den Textbeispielen gesehen haben, verkaufen Frei.Wild eher biedere Kunst und auch die Musik ist nicht besonders innovativ. Diese Haltung mit Punk zu vergleichen ist fast schon makaber. Punk entstand in der tristen englischen Gesellschaft der 70er Jahre, in der diese vom Selbstverständnis Nazi-Deutschland besiegt zu haben beseelt war. Rassismus, Sexismus und viel weitere Unterdrückungsmechanismen wurden mit diesem Selbstverständnis einfach unsichtbar gemacht. Dann haben sich ein paar Kids hingestellt, Nazi-Symbole allen vor die Nase gehalten und ordentlich Krach gemacht. Dieses unkommentierte Zurschaustellen dieser Symbolik war ein Schock und gleichzeitig ein vorgehaltener Spiegel für besagte Gesellschaft. Der Umgang von Punk mit Nazisymbolen war also von Anfang ein ambivalenter, einer, der einen in einen Zustand der Unruhe versetzen sollte und bei dem niemand erklärt hat, was mensch jetzt damit machen soll. Er war radikal und subversiv und zutiefst provokant. (Das trifft auch auf D.A.F. zu, die für die Überschrift im Onlinestandard herhalten müssen) All dies trifft auf Frei.Wild genau nicht zu. Es gibt nicht das kleinste Fuzzelchen Ambivalenz bei Frei.Wild. Sie sind, wie vorher schon erwähnt, bieder und humorlos. Die Vergleiche mit Bushido und Volksmusik fußen schon eher. Inwieweit das Frei.Wild weniger rechtsextrem macht, bleibt unklar. Viel mehr müssten wir uns darüber unterhalten, warum Bushido eigentlich seinen misogynen Schwurbel von sich geben darf und welche Narrative die Volksmusikszene und allen voran Andreas Gabalier bedient. Wir können uns auch gleich weiter über Xavier Naidoo unterhalten. Der tritt recht überzeugend gegen Rassismus auf, verbreitet aber christlich-fundamentalistische Propaganda und scheut auch Hetze gegen Homosexuelle nicht. Das alles macht Frei.Wild aber nicht weniger rechtsextrem. Die Frage wie rebellisch, provokant und aufrührerisch Kunst sein darf, entspinnt sich bei Frei.Wild einfach nicht. Denn sie ist nicht rebellisch, provokant und aufrührerisch. Hier schießt der Falter also völlig am Thema vorbei.

Meinungsfreiheit

Ein anderes Argument ist jenes der Meinungsfreiheit, die unbedingt verteidigt gehört. Es gibt kein Recht auf Diskriminierung. Es gibt kein Recht auf völkischen Nationalismus. Warum sollte jemand abwertende Sprache benutzen dürfen? „Neger“, „Fotze“ und „Schwuchtel“ dienen einzig und allein dem Zweck, dass sich die Person, die diese Worte benutzt, über die Person(en), die mit den Begriffen gemeint sind, erhöht. Es dient nur dazu der Person mitzuteilen, dass sie „anders“ und „minderwertig“ ist. Eine andere Botschaft vermitteln diese Worte nicht. Es wird versucht, ein Machtverhältnis zu schaffen, das auf den Tatsachen beruht, dass es a) schon immer so war und b) keinerlei Sanktionen zu befürchten sind und dieses Machtverhältnis nicht herausgefordert wird. Wird es dann doch herausgefordert, weil mensch Diskriminierung nicht widerspruchslos über sich ergehen lässt, dann beginnt das Geheule von dem politisch-korrekten-Tugendterror-Inquisitions-Emanzen-Zensur-Scheiterhaufen-Untergang-des-Abendlandes. Dass Diskriminierung weh tut, verletzt und hilflos macht und einfach zutiefst ungerecht ist, kann nur jemand nicht verstehen, der nie mit Diskriminierung zu kämpfen hatte. Es passt also ins Bild, dass zwei weiße, bürgerliche Männer Frei.Wild verteidigen. Ich würde den Verfassern der Artikel gerne etwas mehr Selbstreflexion ans Herz legen.

Frei.Wild verwenden nun nicht oben genannte Worte. Aber ihr Berufen auf Volkstum und der Wunsch nach Ausbürgerung der Kritiker_innen sprechen Bände vom repressiven Weltbild der Band. Denn alle die „anders“ sind haben keinen Platz. Politische Korrektheit abzuwerten und lächerlich zu machen, ist schon lange ein Hobby der Rechtsextremen, das sich aus oben genannten Gründen speist. Das Credo: Man wird ja wohl noch diskriminieren dürfen. In der Verteidigung der Diskriminierung sehen sowohl Frei.Wild als auch die Autoren etwas unfassbar Rebellisches. Endlich gegen einen gefühlten, linken Mainstream schreiben und singen. Während bei Frei.Wild klar ist woher das kommt, ist es bei den Autoren unklar. Eine Antwort ist, dass sie ein narzisstisches Distinktionsbedürfnis gegen alles was links ist haben. Bloß nicht übereinstimmen, lieber Partei für Rechts ergreifen und es „denen“ mal so richtig zeigen. Dann geht es aber nicht um den Inhalt, sondern um die Autoren und ihr Selbstdarstellungsbedürfnis und gelebten Revanchismus. Was diese Befindlichkeiten in renommierten und linken/linksliberalen (???) Zeitungen zu suchen haben, ist dann die nächste Frage, finden doch die Befindlichkeiten der bösen übermächtigen Linken selten Gehör. Wer ernsthaft glaubt, dass es in Österreich oder im deutschsprachigen Raum einen linken Mainstream gibt, sollte sowieso die eigene Einschätzung der politischen Lage überdenken. Rechtsrock als Teil und Strategie rechtsextremer Ideologie gehört weder gefördert noch verteidigt.

Weitere gute Analysen zu Frei.Wild gibt es bei der Zeit und bei Publikative.

-nat

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11 thoughts on “Weder frei noch wild – zum Umgang der österreichischen Medien mit Rechtsrock

  1. “Es gibt also quasi eine direkte Verbindungen der Menschen (Blut) zur Landschaft (Boden). Nicht anders definiert sich der völkische Nationalismus. Niemand wird diskutieren wollen, dass das klar dem rechtsextremen Spektrum zuzuordnen ist. ”
    Nach dieser Methode, schuldig per freier Assoziation, sind aber alle Gesangs-, Trachten- und sonstige Vereine als rechtsextrem einzustufen.
    Blut kommt ja nicht vor. Die Wurzelmetapher wird man von den konservativen bis zu den grünen Parteien vorfinden.

    Der Verweis auf die Zeit hat ist schon witzig:
    “Sofort im Anschluss folgt das “Stempelargument”: Frei.Wild fühlen sich zu unrecht in die “rechtsextreme” Ecke gedrängt. Nur, das keine seriöse Kritik sie je als “rechtsextrem” bezeichnet hat. ”
    Sie schreiben aber, wie oben zitiert, als “dem rechtsextremen Spektrum zuzuordnen” – sind daher Sie als nicht seriöse Kritik zu beschreiben?

    “„Neger“, „Fotze“ und „Schwuchtel“ dienen einzig und allein dem Zweck, dass sich die Person, die diese Worte benutzt, über die Person(en), die mit den Begriffen gemeint sind, erhöht. Es dient nur dazu der Person mitzuteilen, dass sie „anders“ und „minderwertig“ ist. ”
    D`accord, wenn das auch für HipHop etc. gilt. Und als ich noch auf Demos, etc. war, hieß es “Bullenschweine”. Ich würde auch heute, wenn es mich denn auf eine verschlagen würde, nichts dabei finden, das zu rufen.

    “Dass Diskriminierung weh tut, verletzt und hilflos macht und einfach zutiefst ungerecht ist, kann nur jemand nicht verstehen, der nie mit Diskriminierung zu kämpfen hatte. Es passt also ins Bild, dass zwei weiße, bürgerliche Männer Frei.Wild verteidigen. Ich würde den Verfassern der Artikel gerne etwas mehr Selbstreflexion ans Herz legen.”
    Nun ja, man sollte nicht anderen vorwerfen, was man selber macht: Weiße, Bürgerliche, Männer – Rassismus, Stalinismus und Sexismus.
    Insofern – etwas peinlich, mal abgesehen davon, dass diese Band niemand interessieren würde, könnte sie nicht linke Kulturreflexe bedienen.
    Und nicht mit der Band sollten Sie sich auseinandersetzen, und deren Verbot, sondern warum der Gasometer voll war. Aber das ist dieser Kultur’linken’ fremd, denn da übt sie Distanz, die Distinktion zum ‘weißen’ Plebs, zur Arbeit am sozialen Material.
    Umso einfacher für Rechte, das ‘heim’zuholen.

    • Hallo,

      danke für den Kommentar.

      Die Wurzelmetapher zieht sich natürlich weit ins grüne Spektrum hinein. Das entschuldigt es aber nicht. Viel mehr sollte sich ein grünes Spektrum überlegen welche Diskurse es bedient. Es gibt ganz hervorragende Arbeiten zu Ökofaschismus und Braune Grüne. Als übergreifendes Spektrum funktioniert hier auf die Esoterikszene. Im aktuellen Antifaschistischen Infoblatt liegt der Schwerpunkt genau bei dieser Frage und ist sehr empfehlenswert. Die (grüne) Heinrich Böll-Stiftung hat dazu auch kürzlich eine Broschüre herausgegeben: http://www.boell.de/downloads/braune-oekologen.pdf
      Eine metaphysische Verwurzelung der Menschen im Boden zu sehen ist alles andere als harmlos. Es negiert Migrationsbewegungen, die einer der wichtigsten Faktoren des menschlichen Fortschritts seit hunderten und tausenden Jahren ist. Es impliziert auch, dass Menschen, die nicht an ihrem “angestammten” Boden sind irgendwie nicht “echt” sind oder sich “widernatürlich” verhalten. Und da haben wir schon den Salat und das Einfallstor für Rassismus. An anderen Stellen verweisen Frei.Wild auch auf den Tod ihres “kleinen Volks” und auf eine Verbindungen zu den Altvorderen, zu ihren Ahnen. Es wird also als Fakt hingestellt, dass alle Menschen in Südtirol untereinander und mit ihren “Ahnen” (zu denen es, obwohl tot, eine schicksalshafte Verbindung zu geben scheint) mehr gemeinsam haben als mit allen anderen Menschen auf der Welt. Dadurch werden alle Unterschiede innerhalb der südtiroler Gesellschaft (Klassen, Geschlechter usw.) negiert oder zumindest relativiert. Und genau das ist das Völkische. Eine Gruppe von Menschen, die gemeinsam determiniert (“Schicksal”) einen Kampf zu fechten, der schon vor ihrer Zeit begonnen hat und über sie hinausgehen wird. Der Wunsch dieses konstruierte Volk in die “richtige” Nation (den aktuell ist das “Volk” bei der “falschen” Nation – Italien) Nation zu überführen ist völkischer Nationalismus. Die Gleichsetzung eines Gebildes namens “Volk” mit einem Gebilde namens “Nation”. Beides ist konstruiert und beides negiert innere Widersprüche und Kämpfe. Völkisches Denken ist immer rechtsextrem. Beim Nationalismus gibt es auch Beispiele für, und viele würden mir auch hier widersprechen, “emanzipatorischen” Nationalismus, wie Antikolonialisierungskämpfe oder die Revolutionen in Lateinamerika. Diese hatten nur nie ein völkisches Element und hier gab es auch tatsächlich Rassismen und Klassenverhältnisse, die angesprochen wurden. Das waren auch alles Kämpfe außerhalb Europas, die sich so nicht übertragen lassen. Frei.Wild stehen sicherlich nicht in dieser Tradition, sondern gehören im Gegenteil zu einer sehr priviligierten Schicht.

      Das gilt natürlich für Hip Hop. Die Mainstreamvariante des Hip Hops baut auf eine extrem misogyne (Bild)Sprache. Warum solche Leute hofiert werden und tausende Dollar verdienen ist auch mit einem aktuellen backlash zu begreifen, was das allgemeine Frauenbild betrifft, indem Frauen nur noch Sexobjekte sind. Im englischsprachigen Raum wird das unter “rape culture” diskutiert, wo es ebenfalls sehr viel gute Beiträge gibt. Hier ein Beitrag von Pennie Laurie, die über den Vergewaltigungsfall in Steubenville, Ohio schreibt, als die Medien mit den beiden Vergewaltigern stark sympathisierten: http://www.newstatesman.com/laurie-penny/2013/03/steubenville-rape-cultures-abu-ghraib-moment

      Das ist sogar ein sehr wichtiger Punkt und daraufhin haben sehr wenige, die sich in “Nazi, Nazi, Nazi”-schreien erschöpfen eine Antwort: Was ist so faszinierend an Bands wie Frei.Wild. Und es ist nicht nur Frei.Wild allein. Rechtsextreme Parteien oder Gruppen haben regen Zulauf. Ich möchte sie im Einzelnen nicht überbewerten. Auch Frei.Wild nicht, obwohl ausverkaufte Tourneen in großen Hallen sicher nicht zu verachten sind. Das war nicht der Fokus meines Eintrags- das stimmt. Vielleicht blogge ich aber demnächst einmal darüber. Denn in der Affirmation der Ablehnung zu verharren führt uns auf Dauer nicht weiter. Rechtsextremes Gedankengut richtig verstehen und nicht bloß ablehnen und als “krank” zu bezeichnen ist sicherlich ein Ansatz, den ich betreibe und so möchte ich es auch weiter halten.

      Danke für deine Anregungen.

  2. Reblogged this on Ramagens und kommentierte:
    Schmetterlingssammlung, ein neues Blog mit sehr durchdachten und gut recherchierten Texten, entwirft eine ungemein treffende und lesenswerte Analyse zu dem immer noch aktuellen und inzwischen auch in Österreich breiter diskutierten Thema ‘Frei.Wild’. Das wollte ich euch nicht vorenthalten!

  3. Im Großen und Ganzen eine klasse Analyse des Themas. Nur bei all der überdachten Schreibstil wundert es mich, dass das Wort “Rechtsextremismus” verwendet wird und andere, eigentlich total harmlose Wörter ausgetauscht werden^^
    Es wäre besser einfach “man” zu schreiben (Im Sinne von “Man nehme ein Löffel Zucker”) und dafür tatsächlich problematische Wörter wie den Extremismusbegriff zu streichen.

    • Dankeschön!
      Ich verwende Rechtsextremismus nicht im Sinne des Extremismusbegriffs. Danke für den Einwand, der mir erlaubt das explizit zu machen. Ich veröffentliche bei Zeiten gerne auch Extremistheoriekritische Artikel.
      Ich verfolge die Diskussion über Begrifflichkeiten sehr genau. Es gab eine sehr spannende Reihe im Antifaschistischen Infoblatt dazu. Ich verwende Rechtsextremismus da es gemeinhein verständlich ist, auch wenn es nur ein unvollständiger und fehlerbehafteter Begriff sein kann.

  4. Eine sehr treffende und gute Analyse zu Frei.wild. Allerdings habe ich einen Kritikpunkt an deiner Einleitung, wo du schreibst, dass statt des Freiwildkonzerts im Gasometer ein Neofolkkonzert Ziel antifaschistischer Kritik wurde:

    “Als kleinen Verweis zu Wien im November sei gesagt, dass es linken Gruppen damals wichtiger erschien, sehr zweifelhaft gegen ein Neofolk-Konzert (mit 40 Besucher_innen) vorzugehen und dem einzigen Metalladen der Stadt das Leben schwer zu machen”

    Mir ist nicht klar, warum du hier den “einzigen Metalladen”, namentlich Totem Records, und die dort auftretende Neofolkband, Death in June, hier so verteidigst.
    Schon ein Blick auf die Facebookpräsenz von Totem Records lässt erahnen, dass es dort kaum eine Abgrenzung zum NSBM gibt, wenn etwa im Schaufenster SS-Totenköpfe, Schwarze Sonnen und das Label der NSBM-Band Burzum offen präsentiert werden
    (https://www.facebook.com/photo.php?fbid=193302260685416&set=pb.192710094077966.-2207520000.1366800300.&type=3&theater)
    Auch die Neofolkband Death in June, die mit SS-Symbolik vor einem neonazistischen Publikum auftritt, sollte eigentlich keiner Verteidigung wert sein.

    • Hallo,
      es ging mir darum, dass die Wiener Linke getan hat, als ginge es darum das größte faschistische Konzert in der Geschichte Wiens zu verhindern, während sie schlussendlich vor 40 Leuten gespielt haben. Gleichzetig haben Frei.Wild vor etlichen 1000 gespielt. Hier hat klar der Blick für Verhältnismüäßigkeiten gefehlt. Wohl auch, weil einige Gruppen nicht mit der Distanzierung Frei.Wilds von NS und Faschismus umgehen konnten.
      Ein anderer Punkt war, dass völlig idiotisch über die ganze schwarze Szene geredet wurde. Das Credo wie immer ein sehr oberflächliches “Nazis, Nazis, Nazis”. Totem Records ist natürlich kein Naziladen und Pungent Stench sind auch keine Naziband. Burzum als NSBM im klassischen Sinne zu bezeichnen ist gewagt, da er ja selbst nichtmal mehr BM sein will. Nicht falsch verstehen: der gute Varg hat sich zum 1a Nazi gewandelt, da gibt es nichts zu Deuteln. Gerade in seiner Vorgefängniszeit hat er aber klassischen Black Metal gemacht. Mir geht es hier um die Genrebezeichnung, nicht darum, dass Varg kein Nazi ist. Das ist er.
      Death in June “verteidige” ich auch nicht. Mir geht es um Priotitätensetzung. Zumal die “Diskussion” um DI6 mit vielen dummen Klischees über die schwarze Szene begleitet wurden. Es ist auch für eine bürgerliche Linke viel leichter auf die hinzudreschen, die anders aussehen, sich schwarz kleiden und über Abgründiges singen. Warum gegen sich gegen den schwulen, schwarzgekleideten Sänger mehr Leute empören konnten als gegen die schmucken, angepassten Jungs von Frei.Wild erklärt sich mir nicht. Letztere sind tausendmal breitenwirksamer und gefährlicher. Das sollte mein Punkt sein.

  5. Pingback: Rechtsextreme Festspiele in Österreich | schmetterlingssammlung

  6. Pingback: Klingekurier #7 am 09.11.2014 | DeWitts Gedankenstrudel – reloaded

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